Kapitel 1


Genf ähnelte einem Treibhaus, und der Asphalt glühte wie schwarze Lava. Die Flügeltür zur Galerie stand weit offen, die geladenen Gäste hatten sich bis auf den Gehweg der Grand Rue verteilt.
   Saskia zog sich hinter eine Stellwand am Fenster zurück. Wie bei Vernissagen üblich, waren die Leute in Scharen gekommen, und sie brauchte einen Moment, um Atem zu holen und den Augenblick zu genießen.
   Ihr eigene Kunsthandlung. Ihre Gäste.
   Eines hatten Künstler und Intellektuelle gemeinsam: Sie liebten Champagner und konnten nicht zuhören. Alle redeten und lachten durcheinander.
   Nur Armand Montfort, der Verleger und Sammler, beobachtete genau wie sie das bunt gemischte Volk, das im Licht der glühend heißen Spotlichter herumschlenderte. Er war hochgewachsen und ging sehr aufrecht. Seine grau melierten Haare waren dicht. Die gebräunte Haut in seinem kantigen Gesicht wirkte jugendlich. Er entsprach dem Bild, das man sich von einem Selfmademan machte, der auf dem Gipfel des Erfolges angelangt und sowohl bereit wie auch fähig war, das Erreichte mit allen Mitteln zu verteidigen.
   Wenn sich seine grauen Augen auf eine Person richteten, schienen sie von ihr Besitz zu ergreifen und hinab bis auf den Grund ihrer Seele zu tauchen, doch das warme und offene Lächeln glich die Härte seines Blicks aus. Sein ganzes Wesen vermittelte den Eindruck von Macht und Willenskraft.
   Sie hatte einige Verlagsmitarbeiter persönlich kennengelernt, nicht aber Armand Montfort. Er war lange Zeit auf Auslandsreise gewesen und war erst vor Tagen zurückgekehrt. Saskia kannte ihn nur von einem einzigen Telefonat. Montfort hatte den Katalog zu dieser Ausstellung herausgebracht.
   Das Mädchen vom Cateringservice lugte um die Stellwand. »Bitte entschuldigen Sie die Störung, Frau Leconte, aber der Champagner geht aus.«
   »Ich kümmere mich darum.« Sie folgte dem Mädchen in den Nebenraum.

*


Leticia Allison, die Kolumnistin, winkte Armand heftig zu und kam eilig auf ihn zu.
   Er warf Saskia Leconte einen Blick hinterher. Schön war sie und klug. Beinahe so groß wie er, schlank, aber mit festem Schritt und einer gewissen Aura.
   »Sie gefällt dir«, sagte Leticia, die er beinahe vergessen hatte.
   »Sie könnte meine Tochter sein.«
   »Seit wann stört dich so etwas?« Leticia lachte.
   »Was weißt du über sie, außer dass sie aus einer Lausanner Anwaltsfamilie stammt?«
   »Sie wird als tüchtig und unnahbar bezeichnet. Man sieht sie nie in Herrenbegleitung, und in der Schweizer Galerieszene hat sie den Ruf einer Frau, vor der man sich mehr in Acht nehmen müsse als vor einem Mann.« In Leticias Augen lag ein leicht amüsiertes Glitzern. »So viel ich gehört habe, hat sie dies alles geschafft, ohne Hilfe ihres einflussreichen Vaters in Anspruch zu nehmen.« Sie beugte sich vor, streifte sein Ohr mit ihrer Wange. »Und bevor ich vergesse, es zu erwähnen. Sie ist vor wenigen Wochen neunundzwanzig geworden. Zwei Jahre jünger als dein Sohn. Wie man sich erzählt, hat sie eigentlich für solche Festivitäten, die in ihren Augen reine Zeitverschwendung bedeuten, nichts übrig.«
   »Das klingt interessant.«
   »Wo hast du deinen Sohn gelassen?«
   »David ist geschäftlich in Tokio.«
   »Schade. Ich hätte gern gewusst, wie sie ihm gefallen würde. Grüß ihn mal von mir.« Leticia warf ihm einen Kussmund zu und verschwand in der Menge.
   Armand beschlich das seltsame Gefühl, dass Saskia Leconte bald eine Rolle in seinem Leben spielen würde, und starrte Leticia hinterher, als könnte er verhindern, dass die Kolumnistin ihrer zweiten Leidenschaft nachging: der Kuppelei. Doch Leticia war in dem Trubel verschwunden, und die Gäste versammelten sich vor dem kleinen Rednerpult im hinteren Bereich der Galerie.
   Als die Gastgeberin aus dem Nebenraum kam, trat Stille ein, sodass man eine fallende Nadel hätte hören können.
   Leconte lächelte, hob ihr Glas den Gästen entgegen und stellte es, ohne daran zu nippen, neben sich auf das Pult. »Schön, dass Sie alle gekommen sind«, sagte sie, ihre Stimme tief, rau und laut.
   Genau wie ihr Lachen. Es passte so gar nicht zu ihrem Image als Kunsthändlerin, ihrer eleganten Erscheinung, ihrem Aussehen, das Männerherzen stolpern ließ – bis hin zu den saphirblauen Augen, deren Blick ihn traf. Für einen Moment teilten sie das Einverständnis, dass diese Rituale langweilig waren, dann konzentrierte sie sich auf das restliche Publikum, bis tosender Applaus durch die Räume hallte.
   Saskia stellte den Künstler vor. Stolz, aber auch unsicher, trat er an ihre Seite und wusste nicht, wo er hinschauen sollte, als alle Anwesenden zu klatschen begannen. »Ich darf Ihnen jedenfalls versichern«, warf Saskia ein, »dass Sie heute die Gelegenheit haben werden, die Bilder eines außergewöhnlich talentierten Malers in Augenschein zu nehmen.«

*


Die Gäste waren schon gegangen, als Amélie die Galerie betrat. »Hallo mein Schatz«, rief sie Saskia zu und schloss die Flügeltür. »Es tut mir so leid, der blöde Flieger hatte Verspätung.«
   »Macht nichts, jetzt bist du ja da.«
   Sie umarmten sich. Saskia führte ihre Freundin an den Wänden mit den angestrahlten Bildern entlang, trank den letzten Champagner und spürte das vertraute, warme Gefühl des Besitzerstolzes in sich aufsteigen. »Fast alles verkauft.«
   Amélie sah sie voller Stolz an. »Ich wusste es. Du bist einfach geschaffen für diesen Beruf.«
   Saskia lächelte und dachte an die Nächte in ihrem gemeinsamen Apartment, in denen sie Businesspläne geschrieben hatte, während Amélie verzweifelt versuchte, sie auf Partys zu schleifen oder einen Museumsbesuch vorzubereiten. Amélie, die Künstlerin unter den Kunsthistorikerinnen, der Männerschwarm, in Florenz, wo sie sich bei einem zweijährigen Studienaufenthalt kennengelernt, oder in Paris, wo sie gemeinsam die letzten Semester an der École des Beaux-Arts studiert und Amélie ihren Ehemann kennengelernt hatte.
   »Wirklich, du passt einfach zwischen gute Bilder und Menschen, die Kunst lieben.«
   »Das sagst du immer, aber eigentlich meinst du, ich verschwende mein Leben damit, die Kunst dem Geld zu unterwerfen.«
   »Das ist ewig her, und selbst ich bin längst erwachsen geworden.«
   »Ich hoffe, nicht.«
   Amélie strahlte wie ein Teenager, aber inzwischen war sie achtundzwanzig Jahre alt. Immer noch umschwärmten sie die Männer, und die Frauen beneideten sie, weil sie ständig gut gelaunt schien. Doch jeder, der sie näher kannte, wusste, dass Amélie launisch und notorisch überspannt sein konnte. Eine starke Persönlichkeit, die sich um jeden Preis treu blieb und dabei aussah wie Kate Winslet mit einem Schuss Nicole Kidman: schlank, aber nicht dünn, athletisch und trotzdem weiblich. Mit langen, glatten kastanienbraunen Haaren und großen braunen Augen, die vor Begeisterung oder aus Boshaftigkeit nur so funkeln konnten.
   »Ich freue mich so für dich, Saskia. Aber jetzt musst du mir auf der Stelle versprechen, dass du mit mir nächsten Samstag auf eine Party gehst.« Sie stieß ihr scherzhaft in die Rippen. »Lauter potenzielle Kunden.«
   Saskia wollte einwenden, dass sie zu viel zu tun hätte, aber Amélies Augen blitzten so unternehmungslustig, dass jeder Widerstand zwecklos wäre. »Einverstanden.«
   »Versprochen!« Amélie drohte mit dem Zeigefinger, und ihr Gesicht wurde ernst. »Du wirst viele wichtige Leute kennenlernen. Und vorher ziehen wir durch die Läden. Versprochen?«
   »Versprochen«, seufzte Saskia. Wenn sie etwas mehr hasste als Partys, war es shoppen.

Kapitel 2


David verweilte am Fenster und war mit einem Partygast in ein Gespräch vertieft, als er seinen Kopf kurz zur Seite drehte und einen Blick zu der schönen Unbekannten warf, die neben Amélie stand. Er sah rasch weg und wieder vorsichtig hin.
   Sie hatte tiefschwarzes Haar, das lässig, aber kunstvoll hochgesteckt war. Einzelne Strähnen umrahmten die Gesichtshälfte, die er sah. Das Auge war mit dunklem Kajal betont, und ihre Lippen in einem warmen Rotton geschminkt. Noch nie hatte ihn ein Profil dermaßen berührt. Es besaß eine Würde, Reinheit und einen Stolz, der sich über seine einzelnen Details erhob.
   Konnte man sich in ein Profil verlieben? Er versuchte, sich auf seinen Gesprächspartner zu konzentrieren, der ihm von seinem Boot vorschwärmte, aber er musste hinsehen. Vielleicht würde sie sich ja umdrehen, und er würde ihr Gesicht sehen. Vielleicht wäre alles vorbei, der Zauber nur eine Illusion, hervorgerufen durch das schummrige Licht und den Blickwinkel. Wenn nicht, dann musste sie die Frau sein, die er immer gesucht hatte. Aber sie wandte sich nicht in seine Richtung, nicht um einen Zentimeter.
   David sah erneut zu seinem Gesprächspartner, der ihm auf die Schulter klopfte. Er fragte sich, wie er seinen Bekannten davon überzeugen konnte, zu Amélie und dieser schönen Unbekannten zu kommen.
   »Also«, Vladimir hob eine Hand, um an den Fingern abzuzählen, »Frauen, Geld, Papa tot oder irgendwas noch Schlimmeres?«
   »Ich verstehe nicht, Vladimir. Sprich Klartext.«
   »Ich will wissen, was mit dir los ist. Mein Großvater sah nämlich auf dem Totenbett mitteilungsbedürftiger aus als du seit wenigen Minuten. Deswegen stelle ich dich vor die Wahl: Entweder, du erzählst mir, was los ist …«
   »Oder was?«
   »Oder ich labere dich über meine neue Jacht zu, sodass du mit gutem Grund fertig aussiehst.«
   »Du hast dir doch nicht wirklich noch eine Jacht gekauft? Und wenn doch, wovon eigentlich? Du bist doch pleite.«
   »Mit meinem guten Namen, mein Lieber. Das spielt aber überhaupt keine Rolle, wenn ich dir gleich beschrieben habe, was dieses Traumschiff alles hat, dieses elegante Teil.« Vladimir hatte mit Recht gedroht. Er ließ kein Zubehör unerwähnt.
   David jedoch schaute nur nach der schönen halbseitigen Unbekannten. Er nickte beifällig, denn er hatte mit einem Ohr mitbekommen, das Vladimir über die Raffinessen des Navigationssystems schwärmte. Es würde schon Umfahrungen anzeigen, ehe man die Strömung überhaupt erreicht habe. Er demonstrierte mit hin und her wogendem Oberkörper das Wendevergnügen mit dieser Jacht. David nahm Anlauf, diesen Redefluss zu unterbrechen, als Vladimirs Handy klingelte. Er hob entschuldigend beide Hände, hielt sein Handy ans Ohr. »Ist wichtig«, flüsterte er und zwinkerte David zu.
   Er lächelte erleichtert, weil Vladimir sein nächstes Opfer gefunden hatte.
   »Oh, da kommt ja David, den habe ich ja eine Ewigkeit nicht mehr gesehen«, flötete eine Blondine. »Ist er immer noch der begehrteste Junggeselle in Genf und Umgebung?«

*


»Das habe ich jedenfalls gehört«, antwortete Amélie achselzuckend, während sie Saskia nachsah, die zur Toilette ging. Sie zuckte die Schultern und stürzte auf David zu, um ihn zu umarmen und zu küssen.
   Der Blondine klappte der Kiefer nach unten. Amélie lachte und hielt David von sich weg wie einen kleinen Jungen.
   Er grinste und ließ es geschehen wie früher. Ihr wurde klar, dass sie ihn noch nie wirklich als Mann angesehen hatte. Schließlich waren sie, ihr Bruder Olivier und David Freunde seit Kindesbeinen an.
   Aber es war nicht zu leugnen, David zählte zu den gut aussehendsten Männern, die ihr je begegnet waren. Seine Augen hatten ein eigenartiges Grau, das seinen Blick ernst machte, doch um seinen Mund lag stets sein kleines, geheimes Lächeln. Er wirkte geschmeidig wie eh und je, sogar etwas größer als Olivier, und seine hohen Wangenknochen, der kluge Mund und das spöttische Lächeln machten ihn zu einer wirklich anziehenden Erscheinung.
   »Hallo Amélie, mein Schatz«, begrüßte er sie endlich und legte einen Arm um ihre Taille. »Toll siehst du aus. Also, ich muss schon sagen, die Ehe scheint dir gut zu bekommen.«
   Amélie strahlte. Sie hatte sich für eine weiße Seidenhose entschieden, eine hauchdünne goldfarbene Bluse, riesige Kreolenohrringe und hohe Riemchensandaletten und wusste, dass sie sehr schick aussah in ihrem Outfit. »Danke«, sagte sie und hauchte ihm ein Küsschen auf die Wange.
   »Das hast du von Bon Génie, richtig?
   »Ja, genau.« Dieser feminine Touch gefiel Amélie ganz besonders an ihm. »Ich freue mich so, dich zu sehen. Ohne Begleitung heute Abend?«, fragte sie vorsichtig und strich ihm gleichzeitig eine abstehende blonde Haarsträhne glatt. Er war wirklich verteufelt attraktiv, einfühlsam und männlich, sodass er sich eigentlich vor Angeboten kaum retten konnte. Er war allerdings wählerisch wie sein Vater, was dessen Frauengeschichten anging.
   David zuckte nur mit den Schultern, als hätte er ihre Gedanken gelesen, und nahm sich vom Tablett, das an ihm vorbeigetragen wurde, ein Glas Champagner. »Ich verreise oft, arbeite wie ein Besessener, bin ständig von verrückten Leuten umgeben. Also sag mir, Amélie, welche Frau sollte meinen Lebensstil auf Dauer mitmachen?«
   »Hör nur auf, dich selbst zu bemitleiden!« Sie boxte ihn gegen die Schulter. »Ich kenne jemand, der ist genauso wie du. Ich stelle sie dir vor. Du hast bestimmt schon von ihr gehört. Saskia Leconte, die Galeristin.«
   »Mein Vater war, glaube ich, auf ihrer Vernissage.«
   »Saskia ist …«
   »… was?«, fragte Saskia, als sie in ihrem Abendkleid und ihren halsbrecherischen High Heels auf David und Amélie zukam. Viele Gäste drehten sich, während sie mit dem würdevollen und zugleich auf subtile Art wollüstigen Gang wie ein Dessousmodel von Victoria’s Secret auf Amélie zuschritt, ein Wesen aus Schimmer, Glanz und dunklem Feuer, eingetaucht in einem tiefen Rubinrot.
   Ihr perfekt geschnittenes Kleid, raffiniert drapiert mit einem in Falten gelegten Oberteil, das ihren göttlichen Busen unterstrich, und einem hohen Schlitz, der nicht nur ahnen ließ, welche sensationellen Beine sich darunter verbargen.
   Währenddessen entschieden um sie herum vermutlich alle anwesenden Frauen mit kurzem Haar auf der Stelle, sich das Haar wachsen und die Strähnen ins Gesicht fallen zu lassen. Die Langhaarigen beschlossen, sich das Haar mit den Fingern durchzukämmen und es ebenso lässig hochzustecken wie Saskia. Dann dieses Kleid, man musste es haben.
   Die Männer warfen ihr bewundernde Blicke zu, nur Saskia schien nichts davon zu bemerken, sondern strahlte David an.
   Sie musste irgendetwas vorhaben. Amélie besann sich aber auf ihre Pflichten und zeigte auf ihren Freund. »Saskia, das ist David Montfort. David, das ist meine Freundin Saskia Leconte.«
   »Sehr erfreut«, sagten Saskia und David gleichzeitig. Sie hielten inne. »Ganz meinerseits«, kam es erneut wie aus einem Mund.
   Amélie sah verwirrt von einem zum anderen, aber die beiden schienen sie nicht mehr zu sehen, selbst das sardonische Grinsen war von Davids Gesicht verschwunden und einem leicht verlegenen gewichen.

*


David war es fast peinlich, wie er sich benahm, so sehr hatte er sich in Saskias Blick verfangen. Mein Gott, nie hätte er ihr in die Augen schauen sollen. Er hätte vorhin die Party verlassen müssen, um diesem Zauber zu entgehen, der Saskia umfing.
   »Sind uns so rasch die höflichen Floskeln ausgegangen?«, fragte Saskia und blickte ihn mit einem atemberaubend vertrauten Lächeln ins Gesicht.
   »Äh … nein, ich hoffe nicht … nicht so schnell«, stotterte David, dem das Sprachzentrum abhandengekommen schien. »Sie sind Amélies Freundin?«
   »Wir haben uns in Florenz fast zwei Jahre lang ein Apartment geteilt. Ich war Amélies Anstandsdame.« Saskia seufzte und neigte sich ihm näher zu. »War auch notwendig«, flüsterte sie und zwinkerte ihm zu.
   Er lächelte. Anstandsdame, ha, dass er nicht lachte. Saskias Blick hatte sich in seinen Augen verfangen wie seiner in ihren. Warum sank sie ihm nicht gleich bewusstlos in die Arme? »Wo wohnen Sie in Genf?«
   »Über meinem Geschäft in der Grand Rue«, erwiderte Saskia, und in ihrer Stimme lag ein persönlicher, ganz unerwarteter Ton, so wie bei einer Harfe, deren Saiten zum ersten Mal zum Klingen gebracht werden.
   Die Blondine neben ihm schwankte, und David sah sich gezwungen, einen Schritt zur Seite zu treten. Sie war so betrunken, dass sie kaum noch in der Lage war, sich gerade auf den Beinen zu halten. Sie trank ihr Glas Champagner leer und nahm sich ein weiteres. Plötzlich stolperte sie, und der Inhalt ihres Glases ergoss sich auf Amélies Rücken. »O mein Gott, das tut mir so leid, Amélie, wirklich.«
   Amélie schrie auf, Zornesröte stieg in ihr Gesicht. David sah ihr an, dass sie der Tussi am liebsten eine geknallt hätte. »Blöde Ziege«, zischte sie stattdessen.
   Saskia griff nach dem Arm ihrer Freundin, redete beruhigend auf sie ein und brachte sie in die Küche.
   David hielt nach ihr Ausschau, wurde aber von einem Finanzmakler angesprochen, der ihn in ein Gespräch verwickelte. Er widmete dem Mann ein gerade noch höfliches Maß an Aufmerksamkeit und ließ weiterhin seine Blicke schweifen.

*


Als Saskia zurückkam, konnte sie David in dem Getümmel, das Amélies Geschrei verursacht hatte, nicht mehr sehen.
   Eine Stunde später zog sie sich in eine Nische zurück, sank in einen Sessel, lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. Endlich Ruhe von diesem hohlen Geschwätz, der lauten Musik und den Gaffern.
   »Langweilen Sie sich, schöne Frau?«
   Sie öffnete die Augen, und vor ihr stand David. Er wirkte ungezwungen, wie er so dastand, in einer Hand ein Glas, und auf sie herabsah. Er lächelte ironisch.
   Saskia musste lachen. »Eiskalt erwischt!« Sie sah ihm in die Augen, und wieder zogen Blitze durch ihren Körper. »Was soll ich sagen? Ich langweile mich wirklich.«
   »Mir geht es ebenso. Dieses Blabla und Bussi, Bussi. Ich mache das oft mit, obwohl es mir auf die Nerven geht.«
   »Und warum tun Sie sich das an, wenn es Ihnen so auf die Nerven geht?«
   Er grinste jungenhaft. »Aus dem gleichen Grund wie Sie. Geschäfte. Oder ist der Grund, warum Sie heute hier sind, die Jagd auf einen Ehemann?« Er drehte sich um, betrachtete die männlichen Partygäste und sah wieder zu ihr. »Ich könnte die männlichen Kandidaten auffordern, sich an die Wand zu stellen und um Auskunft über ihre Vermögenswerte bitten.« Sein Blick blieb an ihr haften. »Oder haben Sie bereits einen passenden Anwärter entdeckt?«
   Saskia blickte ihn boshaft an und nahm einen Schluck aus ihrem Glas. »Bezahlt man Sie dafür, dass Sie hier so eine Show abziehen?«
   Er runzelte die Stirn, als wäre ihm etwas entfallen, und sah sie mit ausdrucksloser Miene an. »Ich wollte Sie nur …«
   »Beeindrucken?« Saskia lächelte unschuldig.
   David nickte. »Genau.« Er hatte eine präzise, knappe Art, sich auszudrücken, und obwohl sie erkannte, dass er aus der gehobenen Gesellschaft stammte, machte er sich offensichtlich über deren Gehabe lustig, und das amüsierte Saskia.
   Er war also der Sohn des Pressemagnaten Armand Montfort, doch durch die seriöse Fassade schimmerte eine liebevolle Respektlosigkeit hindurch. Das gefiel ihr, weil sie ebenso empfand. Sie erhob sich lächelnd und ging in Richtung Partyzone.
   Er folgte ihr. »Möchten Sie tanzen?«
   »Mit Ihnen schon.« Sie lächelte ihn schelmisch an.
   David wirbelte sie gekonnt über die Tanzfläche. Er strahlte etwas Kühnes, Weltoffenes aus, das einen gewissen Reiz und Zauber ausübte. Saskia war beeindruckt, doch sie wollte ihm nicht die Genugtuung verschaffen, es ihm zu sagen. Er grinste auf seine gewinnende, jungenhafte Art. Sie hätte ihn am liebsten auf der Stelle geküsst.
   »Man erzählt sich, dass Sie der gefragteste Junggeselle in der Schweiz sind.«
   »Nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa, wenn man Leticia Allison glauben will.« Er zuckte unbekümmert die Achseln, aber sein Blick wurde leer. »Ist Schwerstarbeit, dieses Image aufrechtzuerhalten.« Er lächelte wieder.
   »Das glaube ich.«
   »Seien Sie auf der Hut, meine Verehrteste!« Er umfasste erneut ihre Taille und glitt mit ihr über die Tanzfläche.
   Saskia hatte das Gefühl, zu schweben. Sie war total fasziniert von diesem Kerl.
   »Erzählen Sie von sich, Saskia.«
   »Ledig, neunundzwanzig. Ich habe eine Kunstgalerie.«
   »O Gott! Wie langweilig! Und was noch? Irgendwelche großen Lieben oder Skandale?«
   »Nein.«
   »Sie sind aber ein harter Brocken. Mal sehen, was ich sonst noch so über Sie in Erfahrung bringen kann. Von den Lecontes aus Lausanne? Eltern? Hunde? Katzen? Freunde? Uneheliche Kinder? Hobbys?« Er grinste sie an.
   »Eltern ja, keine Hunde, keine Katzen, außer Amélies Kater hin und wieder. Keine unehelichen Kinder und was Sie noch vergessen haben, kein Verhältnis mit einem verheirateten Mann, keine Zeit für Beziehungen. Und ehemalige Klosterschülerin.«
   Er zog eine Grimasse. »Ich bin mehr als enttäuscht. Ich hatte mehr von Ihnen erwartet.« Die Musik wurde lauter, es dröhnte Hip-Hop aus den Boxen, und David sah sich um. »Was für eine jämmerliche Gesellschaft, die meisten sind bis zum Anschlag zugekokst oder betrunken. Haben Sie Lust, irgendwo anders etwas zu essen?«
   »Ja, gern. Gute Idee.« Ihre Stimme klang entspannt und gelöst, ganz anders, als sie sich fühlte.
   Als er locker und wie selbstverständlich einen Arm um ihre Taille legte und sie hinausführte, durchfuhr ein heißes Prickeln ihren Körper, als wäre sie von Kopf bis Fuß elektrisiert.
   Im Taxi streckte David die Beine von sich, nachdem er dem Fahrer die Adresse eines Lokals gegeben hatte. Er sah Saskia mit ernstem Blick an. »Sie haben wirklich kein Verhältnis mit einem verheirateten Mann?«
   »Wieso fragen Sie das?« Etwas hatte sich verändert, und sie hatte es nicht mitbekommen, weil das Prickeln nicht verschwinden wollte. Hier, wo sein kleiner Finger neben ihrem lag und sie einander wie zufällig berührten, ohne dass einer von ihnen Anstalten gemacht hätte, die ganze Hand zu nehmen.
   David setzte sich auf. »Wahrscheinlich wollte ich einfach nur witzig sein.«
   »Ich muss Sie leider wieder enttäuschen. Keine Affäre, keine Skandale, nichts. Nur meine Arbeit.«
   »Großer Gott, was haben Sie angestellt, das man Sie so bestraft?« Sein Finger schob sich auf ihren Handrücken.
   Sie genoss das Prickeln, das den Arm hinaufkroch, und sah ihn. Wie er sie. Saskia neigte den Kopf nach vorn, zog die Lippen zusammen. Sein Atem strich darüber. Warm und zart, während sich ihre Körper in Zeitlupentempo aufeinander zu bewegten. Sie konnten ihre Blicke nicht voneinander lassen.
   Das Taxi hielt.
   David bezahlte, und sie stiegen aus. Gleich darauf wurden sie von der Stimmung in dem Bistro erfasst, und Saskia entging nicht, wie ihr bewundernde Blicke zugeworfen wurden. Sie fühlte sich plötzlich so verletzlich wie ein scheues Reh und griff nach Davids Hand.
   Er umfasste sie zärtlich und hielt sich dicht neben ihr. Niemand in dem Bistro wirkte überrascht, ein elegant gekleidetes Paar hereinkommen zu sehen. Von todschick herausgeputzten Teenies über gesunde und wohlgenährte Senioren und einfache Angestellte bis zu Filmstars, die aus Prominentenrestaurants geflohen waren, fanden alle Arten von Menschen ihren Weg zu dem legendären Lokal Perle du Lac.
   Der Patron persönlich führte die Aufsicht über sein Insiderlokal, das in beruhigenden Beigetönen gehalten war. Die geräumigen Sitzgruppen waren so angeordnet, dass die Gäste in einer Ungestörtheit und Ruhe essen konnten, die in anderen Nobelrestaurants Genfs teilweise unbekannt war, und man konnte eines der Wassertaxis nutzen, die beide Seeufer miteinander verbanden.
   Es war ziemlich voll, sodass sie an der Theke warten mussten, bis ein Tisch frei war. Sie plauderten ungezwungen, und Saskia musste sich eingestehen, dass sie verliebt war, nicht verknallt oder vernarrt, nein, sie war grenzenlos bis über beide Ohren in diesen Mann verliebt.
   »Was ist? Dein Blick spricht Bände.« Seine Stimme klang sehr sanft, unwillkürlich benutzte er das vertraute Du. Er erzählte ihr von seinem Boot, und was es ihm für einen Kick verschaffe, wenn er mit zweimal 350 PS über den See rauschte. Die Motorjacht sei seine Leidenschaft, die er mit seinem Vater und seinem Freund Olivier teilte. »Ich bin geneigt, dir auch noch alle technischen Dinge meines Schiffes herunterzurasseln, nur damit du nicht aufhörst, mich so anzusehen.«
   Saskia verschluckte sich an ihrem Gin Tonic und spürte, wie sie rot wurde. Zeit, endlich zum Gegenangriff überzugehen. »Ich habe dir vorhin alle deine unverschämten Fragen beantwortet. Jetzt bist du an der Reihe.«
   David grinste, aber in seinen Augen flackerte für einen Moment Besorgnis auf. »Bitte!«
   »Warum bist du immer noch Junggeselle?«
   Er schien erleichtert, zögerte aber, legte die Hände zärtlich auf ihre und zog sie näher an sich heran, sodass sie nur noch das Grau seiner Augen sehen konnte. Keine Besorgnis. Kein neckisches oder ironisches Glitzern, dafür ein Strahlen, das ihr eigenes spiegelte.
   »Bis heute Nachmittag hatte ich keine Ahnung, dass ich je die Frau meines Lebens kennenlernen und mit ihr hier einen Gin Tonic trinken würde«, antwortete er leise und bedächtig.
   Saskia bekam keine Luft mehr. Ihr wurde heiß. Es pochte zwischen ihren Schenkeln. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht fest die Beine übereinanderzuschlagen, weil sie sich sicher war, an Ort und Stelle einen Orgasmus zu bekommen. Sie beobachtete, wie David sein Handy aus der Tasche zog, es aufklappte, und in Bruchteilen von Sekunden eine SMS eintippte.
   Das Pochen verschwand, und er sah zu ihr auf, als Saskia scharf einatmete.
   »Ich schicke meiner Assistentin eine Nachricht.«
   »Am Wochenende und um diese Uhrzeit?«
   »Ja. Sina organisiert mein Leben und ist mit Abstand die einzige Frau, von der ich mir etwas sagen lasse.«
   »Warum hast du dann kein Verhältnis mit ihr?«
   »Sie steht auf Frauen, ist aber sehr kompetent, was ihre Arbeit angeht.« Es klang so beiläufig, als würde er den Wetterbericht vorlesen. »Außerdem hat sie im Moment Beziehungsstress und ist über jede Ablenkung dankbar.« Er zog eine Grimasse und grinste. »Hättest du Lust, dir das Boot anzusehen oder kommst du um vor Hunger?«
   »Nein.« Hunger, warum sollte sie Hunger haben?
   »Was nein?«
   »Ich meine nein, keinen Hunger. Und das Boot würde ich mir gern ansehen.«
   »Komm, lass uns gehen, essen können wir später, wenn hier weniger los ist.«
   Sie schlenderten entspannt vom Lokal zum Boot, ließen sich Zeit, lachten und alberten herum wie Kinder. Als sie die Marina erreichten, blieben sie hier und dort stehen und bewunderten die Boote, bis David auf ein besonders prachtvolles Exemplar wies.
   »Wir sind da.« Er half ihr über den Steg.
   Das Licht auf der Jacht brannte.
   »Da ist jemand.«
   »Nein, das ist nur meine Schusseligkeit. Ich habe bestimmt vergessen, heute Nachmittag das Licht auszumachen.« Er führte sie herum, und sie kam aus dem Staunen nicht heraus.
   »Was für ein schönes Schiff. Fast majestätisch.«
   »Wenn du Lust hast, können wir morgen Mittag eine Runde über den See fahren.«
   »Erst morgen?«
   »Wie wäre es mit zwei Uhr bis zum Sonnenuntergang, denn dann ist es besonders schön.«
   Saskia nickte nur.
   Er führte sie nach unten in den Wohnraum, und ihr blieb der Atem stehen. Im Esszimmer war alles für zwei Personen hergerichtet, als hätte man drei Tage dafür eingeplant. Der Tisch war wunderschön gedeckt, es duftete herrlich nach Hühnchen in Weinsoße und erlesenem Wein.
   »David, du willst mir doch nicht erzählen, dass das alles deine Assistentin in der kurzen Zeit organisiert hat?«
   »Ich sagte doch, sie organisiert mein Leben. Gefällt es dir?« Er nahm Saskia behutsam in den Arm, und das Prickeln war wieder da.
   »Es ist wundervoll.« Sie brachte kaum die Worte heraus und hatte das Gefühl, als würden ihr die Beine wegsacken.
   Er gab ihr einen zärtlichen Kuss und sie wusste nicht, wie ihr geschah. Er führte sie an den Tisch, schob ihr galant den Stuhl zurecht und fing an, ihr die Speisen zu reichen.
   Sie sah ihm zu, sah sich in dem Salon um. Das Interieur bestand aus hochglänzendem Kirschholz, in dem sich das Kerzenlicht spiegelte. Die Tür zur Schlafkabine war nur angelehnt. Wellen schlugen sanft gegen den Rumpf und verstärkten das Prickeln. »David …«
   »Was?«
   »Ich weiß, das klingt undankbar und unverschämt nach all der Mühe, aber ich kann jetzt nichts essen.«
   Sie sah zu, wie er den Wein aus dem Kühler nahm, die Gläser füllte und dann den Kopf hob. »Ich auch nicht.«
   Sie fingen an zu lachen, nur diesmal war es ein verlegenes Lachen.
   »Vielleicht war es eine Art Phantomhunger«, sagte Saskia leise.
   Er reichte ihr ein Glas. Dabei berührte sie seine Fingerspitzen und beobachtete, wie sich die Härchen auf seinem Handgelenk aufstellten.
   »Ja. Das passiert, wenn …« Er zog seine Finger vorsichtig zurück.
   »Wenn was?« Saskia hielt den Atem an.
   »Wenn sich zwei Menschen begegnen und feststellen, dass sie sich unausweichlich zueinander hingezogen fühlen, weil sie eine Beziehung eingehen müssen«, antwortete er. Er starrte durch das Bullauge auf den See, wo sich die Lichter der Uferpromenade spiegelten, als könnte er ihren Blick nicht länger ertragen.
   »Im Gegensatz zu … freiwillig?«
   »Im Gegensatz zu anderen Beziehungen, die man aufgrund von wieder anderen Beziehungen eingeht, Beziehungen, die bedeutungslos sind, weil sie nicht aus freiem Willen entstehen, im Gegensatz zum normalen gesellschaftlichen Leben oder irgendwelchen Verpflichtungen oder zivilisierten Konversationen. Eine unausweichliche Beziehung, weil sie echt und einzigartig ist. Weil es Bestimmung ist.«
   »Glaubst du an Bestimmung?«, fragte Saskia. Sie stand auf, ging zu ihm hinüber, wollte, dass er sie ansah und nicht den dunklen See.
   »Ich sollte dich nicht kennenlernen. Bis heute«, sagte David überzeugt. »Und du solltest mich nicht kennenlernen … bis heute. Eigentlich kann ich mit dem ganzen Zeug wie Esoterik, Wiedergeburt, Buddhismus nichts anfangen, aber zwischen uns ist es anders«, sagte er langsam und legte den Kopf an ihre Seite wie ein Kind.
   Als sich ihre Blicke trafen, fand sie Scheu in seinen Augen und eine Verletzlichkeit, die sie nie erwartet hätte.
   »Oder nicht?«
   Sie nickte stumm, hielt dem Blick stand, obwohl alles in ihr danach verlangte, seinen Kopf in den Händen zu halten und ihn zu küssen. Stattdessen streckte sie die Hände aus.
   David nahm sie vorsichtig, als wären sie das wertvollste Geschenk, das er je erhalten hatte, und sie standen schweigend da, sahen abwechselnd einander an und wieder auf den See.
   Nach einer Ewigkeit legte sie den Kopf an seine Schulter und genoss eine Vertrautheit, die sie noch niemals zuvor empfunden hatte.
   »Saskia.«
   »Ja?«
   »Ich liebe dich.«
   »Ich liebe dich auch.«
   »Willst du mich heiraten?«
   »Ja.« Es schien so selbstverständlich, so klar.
   David hatte recht, es gab etwas Unausweichliches an ihrer Begegnung. Schicksal, Pheromone, Bestimmung, es war ihr gleichgültig, sie wusste nur, dass es darauf keine andere Antwort geben konnte.
   »Sicher?«
   »Ganz sicher.«
   Er hob sie auf mit einer Leichtigkeit, die sie ihm nicht zugetraut hätte, und trug sie in die Nachbarkabine. Das Bett war groß, aber nicht aufgeschlagen. Keine mit Schokolade überzogenen Erdbeeren, kein Champagnerkübel, keine Rosenblätter. Es war nur das Essen geplant, nicht mehr.
   Sie breitete die Arme aus, als er sie auf den Überwurf gleiten ließ, ganz sanft, und sie dachte an Amélie und Florenz. Sie waren sicher keine Kostverächterrinnen gewesen. Sie hatten es sich sogar zur Hauptaufgabe gemacht, die italienischen Männer leiden zu lassen, aber in diesem Moment dachte sie nicht an Spiele, in diesem Moment genoss sie, was mit ihr passierte, denn David entführte sie in ein Zauberland voller Zärtlichkeiten. Raum und Zeit hörten auf, zu existieren.
   Die ganze Nacht blieb sie bei ihm auf der Jacht und träumte später in seinen Armen von dem großen Glück, das sie sich heute im wahrsten Sinne des Wortes erobert hatte. Ein Hochgefühl, das sie nicht wieder loslassen wollte. Bereits der Gedanke, dass es einmal anders werden könnte, grenzte an Wahnsinn.
   Ab und zu wachte sie auf und sah ihn an. Er schlief fest, die Lippen verschoben wie ein trotziger Junge. Wie in einer verschwiegenen, geheimnisvollen Oase, wie auf einer einsamen Insel erlebte sie diesen Morgen auf seinem Boot und nahm alles in sich auf.
   Er sah zu ihr hinauf. »Dein Körper ist fantastisch, deine Haut zart wie Samt, dein Hintern ist sensationell, und du bist so umwerfend, dass mir sämtliche Superlative ausgehen. Selbst, wenn du nicht so perfekt wärst, würde ich dich genauso lieben, weil ich dich überhaupt nicht mehr lieben könnte.«
   »Du wirst mich von Tag zu Tag mehr lieben«, sagte Saskia und meinte es als Scherz, doch David nickte.
   »Natürlich. Ich spreche auch nur von jetzt, von diesem Moment.« Er strahlte sie an und zog sie zurück ins Bett.
   Sie lachte und küsste seinen rechten Oberarm. Sie hatte das Gefühl, als wäre dies der erste Männeroberarm, der ihr je aufgefallen war, und diese besonders kraftvolle Anordnung von Muskeln, Haut und Sehnen von ihren Lippen erst erschaffen worden wäre. »Ich muss nach Hause. Mich umziehen, einen Blick auf den Terminkalender werfen, Unterlagen zusammenstellen, die ich für morgen brauche. Gegen Mittag komme ich wieder, und dann fahren wir auf den See hinaus. Einverstanden?«
   »Nein.«
   »Wie nein?«
   »Ich komme mit. Ich möchte keine Sekunde ohne dich sein. Außerdem ahne ich, dass du Amélie alles haargenau erzählen willst.«
   Saskia lachte. »Bist du Hellseher?«
   »Nein. Ich sagte dir doch schon, dass ich von dem ganzen Kram nichts halte.«
   Sie war mittlerweile aufgestanden, hatte sich ihr Handy geschnappt und ein Taxi bestellt. Sie zog ihr Abendkleid über und stopfte die Dessous in ihre Clutch.
   »He, zieh dich gefälligst richtig an, oder willst du den Taxifahrer verführen? Du bist immerhin verlobt.« Er sprang aus dem Bett, nahm ihr die Handtasche ab, zog den Slip heraus und zog ihn ihr über die Beine.
   Saskia kicherte und zerzauste ihm das Haar. »Es wird nur langweilig für dich. Erst die Arbeit, danach das Frauengespräch. Bleib hier und träum von mir.«
   »Komm schnell zurück«, flüsterte er und verschloss ihr den Mund mit einem Kuss.
   »Wenn ich erst mit dir verheiratet bin, wirst du mich keine Sekunde mehr los«, raunte sie ihm ins Ohr und knabberte an seinem Ohrläppchen. Sie verschränkte ein letztes Mal ihre Finger um seinen Nacken. »Bis später.«
   »Beeil dich!« Er lachte und küsste sie wieder, auf den Hals, auf die Rückseite ihrer Arme, den ganzen Weg die Treppe hinauf bis zur Reling. Dann legte er ihr eine Hand auf die Schulter und drehte sie um, sah sie lange an, ohne sie noch einmal zu küssen, als müsste er sich an jedes Detail erinnern können. Schließlich nickte er in Richtung Taxi.
   Saskia löste sich von seinem Blick, lief den Pier entlang und drehte sich immer wieder winkend um, bis sie ins Taxi stieg.
   Während der ganzen Fahrt starrte sie verträumt vor sich hin und spürte das zarte Lächeln auf ihren Lippen. Sie konnte an nichts anderes denken als an David.

*


David nahm sein Handy und wählte die Nummer seiner Eltern. »Ich wünsche dir einen schönen guten Morgen. Mutter, weißt du noch, wir haben doch mal etwas vereinbart. Ja, genau. Wir haben ausgemacht, dass ich dich informiere, wenn es so weit ist. Sie heißt Saskia, und wir werden heiraten.«

Kapitel 3


»Hör auf mit der wilden Klingelei«, hörte Saskia Amélie maulen. »Das kannst ja nur du sein, Saskia, du Nervensäge. Ich komm ja schon.« Sie öffnete und verschwand wieder in Richtung Bett. »Wie siehst du überhaupt aus?«
   »Bestimmt besser als du«, erwiderte Saskia und schloss die Tür hinter sich. »Meine Güte, Amélie, man könnte denken, du hättest drei Nächte hintereinander durchgemacht. Gut, dass dein Mann auf Geschäftsreise ist, er würde einen Schock bekommen.«
   »Ich habe wenigstens nicht diesen unmissverständlichen Die-ganze-Nacht-gebumst-Blick im Gesicht.«
   »Neidisch?« Saskia lächelte.
   »Oh, hör bloß auf. Ich bin verheiratet und habe meiner wilden Vergangenheit für immer den Laufpass gegeben. Aber David ist mein Freund.«
   »Und mein Verlobter.«
   »Saskia, du bist unmöglich!« Amélie blinzelte, weil sie offenbar nur die Hälfte mitbekam. »Warum musst du am nächsten Morgen immer so munter sein? Zuerst lässt du mich auf der Party allein, und nun fällst du in aller Frühe in meine Wohnung ein, bringst mich um meinen Schönheitsschlaf, um dich diebisch über einen neuen Sieg zu freuen.« Amélie schloss wieder die Augen. »Und was meinst du überhaupt mit Verlobter?«
   »Wir werden heiraten.«
   »Sicher werdet ihr das …« Amélie gähnte und legte den Kopf in die Nackenrolle. »Irgendwann, in deinen Träumen.«
   »Du hast schon richtig gehört, das ist kein Scherz. David und ich werden heiraten.«
   »Du kannst keinen Mann ehelichen, den du erst gestern kennengelernt hast, schon gar nicht David Montfort«, sagte sie und zog die Decke hoch.
   »Doch, ich kann.«
   Amélie riss die Augen auf, setzte sich in ihrem Bett auf und starrte Saskia an. Sie betrachtete das Abendkleid, ihr Haar, das ihr lose über die Schultern fiel. Sprachlos blieb ihr Blick auf Saskias Gesicht hängen.
   Sie erwiderte den Blick ihrer Freundin mit einem Ausdruck reiner und höchster Glückseligkeit.
   Amélies Augen begannen verräterisch zu glitzern. Sie lehnte sich ins Kissen, legte den Kopf schief und inspizierte Saskia weiterhin, als wäre sie ein seltener Paradiesvogel. »Okay, ich muss das alles erst mal auf die Reihe kriegen. Von vorn und langsam. Aber zuerst musst du mir noch eins sagen … sonst fehlt mir ein vielleicht entschiedenes Puzzlestück«, sagte sie und wich vorsichtshalber ein Stück zurück. »War es das Wort David oder die beiden Wörter begehrtester Junggeselle, die dich veranlasst haben, so aus den Laschen zu kippen?«
   »Ich denke, es war Magie, eine Art kosmische Fügung, oder was immer.«
   Amélie klopfte auf die Bettdecke. »Setzt dich her, Liebelein«, sagte sie, aber Saskia blieb stehen, sah auf sie hinunter mit dieser Mischung aus unverhohlenem Glück und Angst vor ihrer Reaktion. Amélie legte den Kopf schief. »Du meinst es ernst, nicht war? Ihr spinnt.« Sie sprang auf, warf die Arme um Saskia und küsste sie auf die Wangen. »Mein Gott! Das ist wundervoll, ich kann überhaupt nicht sagen, wie wunderbar. Wann?«
   »Nun, nicht auf der Stelle. Eine große Hochzeit zu organisieren, braucht Zeit.«
   »Ach was … aber …« Vor lauter Aufregung schien Amélie vergessen zu haben, was sie eigentlich hatte sagen wollen. »Oh, Saskia, ich bin so froh. Ich kenne David schon so lange. Du verdienst ihn. Meinen Segen habt ihr und meinen Glückwunsch.«
   »Gratuliere nicht der Braut, gratuliere dem Bräutigam«, sagte Saskia und ließ sich auf das Bett plumpsen. »Sag der Braut, dass du weißt, dass sie sehr glücklich werden wird.«
   »Ich weiß, du wirst sehr glücklich werden. Wissen eure Eltern schon Bescheid?«
   »Quatsch, wie denn? Außerdem ist mir egal, ob sich jemand von denen querstellt, wir sind schließlich erwachsen.«

*


Als David Saskia wieder auf seinem Boot empfing, schien sie zufrieden mit dem, was sie sah, und er war stolz darauf. Er hatte eine beigefarbene Baumwollhose angezogen, dazu ein dunkelblaues Polohemd, und seinen cremefarbenen Kaschmirpullover von Ralph Lauren lässig über die Schultern gelegt.
   »Wenn die anderen Frauen auch nur einen Funken Verstand hätten, würden sie ihre Typen zum Teufel jagen und mit dir durchbrennen«, sagte sie und grinste.
   »Danke, darauf kann ich verzichten, und außerdem bin ich vergeben. Und meine zukünftige Frau sieht fantastisch aus!«
   Er trat zur Seite und lud sie mit einer ausholenden Geste ein, die Jacht zu betreten. Sie trug eine weiße Hose, einen marinefarbenen Zopfpullover, und statt eines Haarbands einen dunklen Seidenschal, der ihre langen, dunklen Haare nach hinten lockig über ihren Rücken fallen ließ.
   David stürzte sich auf sie, wirbelte sie herum und drückte sie stürmisch an sich. Er freute sich wahnsinnig über das Wiedersehen. Sein ganzer Körper prickelte, als er mit einem zärtlichen Kuss ihre Lippen berührte. »Du hast mir gefehlt.«
   »Du mir noch mehr«, flüsterte sie und gab ihm den Kuss leidenschaftlich zurück.
   Er ließ sie gewähren, setzte sie aber wieder ab und drehte sie Richtung Sonnendeck. »Können wir starten?«
   »Wann immer du willst.«
   »Oder möchtest du vorher noch etwas trinken?«
   Sie schien enttäuscht, aber er wollte sie verwöhnen, ganz langsam, sich Zeit lassen mit allem, nur nicht damit, dass sie ihm gehörte.
   Saskia schüttelte den Kopf, und kurze Zeit später rauschten sie über den Genfer See, gingen in Thonon-les-Bains mit dem Blick auf die Savoyer Alpen vor Anker. Sie legten sich aufs Deck, umarmten sich und redeten und redeten, bis es anfing, zu dämmern.
   Immer wieder lachte sie, mal leise, mal schallend, und erzählte David von ihrer Jugendzeit. »Wehe dem, der mir widersprach! Meine Antworten waren gesalzen.« Sie reckte ihr Kinn. »Und als ich aus der Klosterschule kam, hatte ich das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Gut, ich war nicht ganz einfach.«
   David konnte ihr stundenlang zuhören. »Schwester …«
   Sie hielt inne, lief rot an wie ein kleines Mädchen. »Ich rede zu viel.«
   »Nicht im Geringsten.«
   »Du musst mir nicht zuhören, wenn es dich langweilt.«
   »Ich weiß. Aber vielleicht erzählst du mir erst, was Amélie und du in Florenz alles angestellt habt?« Er hätte lieber von ihrer Kindheit und Schulzeit gehört, doch mindestens genau so wichtig war es, mehr über die Freundschaft zwischen Amélie und Saskia herauszufinden. Sie schienen ihm so verschieden, dass er sich nicht vorstellen konnte, wie sie es zwei Jahre miteinander ausgehalten hatten.
   Saskia dagegen bekam einen weichen Zug um den Mund, lächelte beinahe wehmütig. »Alles Mögliche. An Fantasie hat es uns wahrlich nicht gemangelt.«
   David lachte. »Und woher kennt ihr euch?«
   »Ich habe sie auf der Straße in Florenz gesehen und bin ihr in eine Espressobar gefolgt.«
   »Du suchst dir die Menschen einfach aus, was?«
   »Nein, sie kommen in mein Leben, weil ich es so möchte. Manchmal begegnet man fremden Personen, die etwas Besonderes haben, und man denkt: Ich sollte wirklich mit ihnen reden, weil ich sie nie mehr wiedersehen werde, und man sieht sie auch nicht wieder, weil man es nicht gesagt hat. Aber es ist sowieso alles Bestimmung.«
   »Das mit uns war auch Bestimmung.« Er wunderte sich über die Sicherheit, mit der das aus ihm herausgeplatzt war.
   Sie lächelte. »Das hast du jedenfalls gestern gesagt, obwohl du nicht daran glaubst.«
   »Gut aufgepasst, mein schlaues Mädchen.« David küsste sie zärtlich.
   Sie sah ihn an, als ob sie sich fragte, wie viele Leute, vor allem Frauen, ihn nur nach seinem Geld und seiner Herkunft beurteilten. Diese Begegnung hatte etwas Besonderes. Wie das Gefühl, dass Saskia weder sein Reichtum noch seine gesellschaftliche Stellung von Bedeutung waren. Zu sehr war schon aus ihren Erzählungen deutlich geworden, wie sehr sie es selbst hasste, als Ah,–die-Tochter-von-den-Lausanner-Lecontes bezeichnet, oder mit ‚Grüßen Sie mir Ihre Eltern‘ verabschiedet zu werden.
   »Geht dir das nicht auch auf den Geist, David? Ich meine, dass Leute dich kennenlernen wollen, weil du David Montfort bist?«
   Als könnte sie Gedanken lesen! Er nickte heftig und verzehrte ein Stück Melone. »So sind sie nun mal. Ruhm zieht sie an. Und je erfolgreicher du wirst, umso schlimmer wird es werden. Das verschafft solchen Menschen eine Art Nervenkitzel. Sie werten sich durch dich selbst auf.«
   »Deinen Vater hat das nie gestört?«
   »Ich glaube nicht. Er geht mit diesen Situationen ziemlich cool um. Er ist der geborene Geschäftsmann. Ich bin nur froh, dass meine Mutter darauf bestanden hat, dass ich das Verlagswesen auch in Amerika kennenlerne und mich regelrecht dorthin verfrachtet hat. Mein Vater hat gefordert, aber auch gefördert und hat mir gewisse Freiräume gelassen.« David blickte melancholisch auf das Wasser, nahm sich noch ein Stück Melone. »Aber er hat ein Ultimatum gestellt. Mit fünfundzwanzig hast du promoviert. Aus und Amen. Keine Widerrede. Ich tat meinem Vater den Gefallen und wurde Doktor der Kommunikationswissenschaften. Danach kam der asiatische Markt dran, und heute kann mir keiner mehr etwas über dieses Geschäft erzählen, nicht einmal mein alter Herr. Das hat meine Mutter damit bezwecken wollen.«
   »Du meinst, deine Mutter wollte deinem Vater beweisen, dass sie auch was zu bestimmen hat?«
   So einfach war das alles nicht, aber auch nicht so kompliziert, dass Saskia es nicht verstehen würde. »Sie wollte ihre Stellung in der Familie festigen, denn sie duldet die Eigenarten und Angewohnheiten meines Vaters. Auch, dass er eine Geliebte oder auch mehrere hat. Die beiden verbindet eine lange Geschichte voller Schatten.«
   Sie sah ihn fragend an.
   »Meine Mutter hatte drei Fehlgeburten, bevor ich kam, und nach mir bekam sie eine Tochter, die allerdings nach zwei Tagen starb.« Wehmütig erinnerte er sich an seine Kindheit.
   Saskias Augen drückten Mitleid aus. Seine kleine Schwester war ein runder Bauch für ihn, auf den er eifersüchtig gewesen war, weil seine Mutter ihm kaum noch Aufmerksamkeit schenkte.
   »Seit dieser Zeit«, sagte er, »fließt deren beider Alltag träge und wohlgeordnet dahin. Rituale bestimmen den Takt der Zeit wie das Wetter, die Tiere, die Natur. Du kennst doch meinen Vater. Er war auf deiner Vernissage.«
   »Ja. Ich kann mich vage daran erinnern. Er kritisierte jedes Bild, bis ich ihn fragte, warum er überhaupt gekommen ist und auch noch bliebe.« Sie lächelte ihn an.
   »Er hat nicht versucht, dich anzumachen?«
   »Was soll ich sagen? Er benahm sich wie die meisten Männer in meiner Gegenwart.«
   »Wie benehmen sich denn die Männer in deiner Gegenwart?«, fragte er und küsste sie auf die Nasenspitze.
   »Wie balzende Hähne – und dann merken sie nicht einmal, wie lächerlich sie sich machen mit ihrer Geziertheit, den hochgeschraubten Gesprächen, der vorgetäuschten Gescheitheit und dem Bemühen um eine besonders sonore Stimme. Also gewöhn dich schon mal daran.«
   Er zuckte mit den Schultern, um die Vorstellung, andere könnten Saskia betrachten wie er, abzuschütteln. Wenig später plauderten sie über Gott und die Welt und planten ihre Zukunft.
   David hatte längst erkannt, dass Saskia nicht nur die coole Geschäftsfrau war, wie sie tat. Eine Fassade, die sie sich antrainiert hatte, um Kunst zu verkaufen. Galeristinnen hatten es schwer, auch wenn sie wie Saskia Expertinnen auf ihrem Fachgebiet sein mochten. Sicher fiel das leichter, wenn man schlagfertig war, von einer entfesselten, beinahe brutalen Vitalität, und ein schrankenloses Selbstvertrauen besaß. Doch David sah auch, was andere nicht einmal ahnten: die Schüchternheit der Klosterschülerin, die Unsicherheit, mit der sie Berührungen nur schwer akzeptierte, die Unschuld, mit der sie liebte. Gefühle und Empfindungen, die sie sich sonst wohl nie gestattete, und er hatte sie gefunden. Ein unauslöschlicher Eindruck wie eine Tätowierung. Er war stolz darauf und entschlossen, ihr zu zeigen, dass es wirklich eine Welt jenseits der Galerie gab, die sich zu erkunden lohnte.

*


Saskia saß im Fersensitz an der Reling und blickte hinauf zu der lavendelfarbenen Bewölkung, die sich ständig veränderte. Zu entscheiden, wie die Farbe hieß, falls eine so flüchtige Farbe überhaupt einen Namen besaß, war kaum möglich. David kniete sich neben sie und drehte ihr Gesicht zu sich herum. Er gab Saskia den zartesten Kuss, den sie je bekommen hatte, küsste sie wieder, sogar noch sanfter.
   »Du schmeckst wie die Farbe der Wolken«, sagte er zu ihr. Sein verführerischer Blick aus halb geschlossenen Augen richtete sich auf ihren Mund. »Ich habe mich den ganzen Morgen immer daran zu erinnern versucht, wie du schmeckst«, fügte er hinzu und küsste sie ein drittes Mal, so sachte, dass seine Lippen die ihren kaum streiften. »Und jetzt weiß ich es … wie der schönste Sonnenuntergang im September.
   Saskia schwieg und lächelte.
   Er griff in seine rechte Hosentasche und zog eine dunkle Samtschatulle heraus. »Das hätte ich fast vergessen.« Er öffnete sie und nahm einen mit schwarzen Perlen und kleinen Diamanten eingefassten Ring heraus. »Ich hoffe, er gefällt dir.«
   »Du hast das alles genau geplant, nicht wahr?«, fragte Saskia nachdenklich und nahm ihm den Ring nicht aus der Hand. »Das Schlimmste daran ist, dein Plan geht auf.«
   »Ich hätte ihn dir auch geschenkt, wenn du es dir anders überlegt hättest. Bevor du fragst, ob meine Assistentin ihn besorgt hat. Nein, ich habe ihn heute Morgen beim Juwelier ausgesucht«, flüsterte er und streifte ihn Saskia über den Ringfinger. Er passte.
   Saskia betrachtete den wunderschönen Ring und fühlte pures Glück. »Und was hättest du gemacht, wenn er zu klein gewesen wäre?«
   David kratzte sich verlegen am Kopf, holte zwei weitere Päckchen hervor und grinste lausbubenhaft. »Ich habe an alles gedacht.« Er öffnete die beiden und in jedem befand sich ein ähnlicher Ring in einer anderen Größe. »Würdest du mir einen Kuss geben?«, fragte er bescheiden.
   Saskia küsste ihn sanft auf den Mund, so wie er sie geküsst hatte. »Sind wir jetzt offiziell verlobt?«
   »Ich denke schon.«
   David hielt Saskia fest, presste das Gesicht an ihren Kopf und liebkoste immer wieder ihr Haar, wiegte sie wie ein kleines Kind. Ihr Körper vibrierte, als bestünde sie aus summenden Drähten und berauschenden Impulsen, die nach Honig, Heidekraut und Lavendel dufteten. David blickte sie zärtlich und gebieterisch an. Das sind Pupillen, die ich noch nicht kenne, und gewiss keine Knabenaugen.
   »Und jetzt?«, fragte David mit einer Selbstsicherheit.
   »Ich … wir …«, stammelte Saskia und wünschte sich verzweifelt, dass Frauen noch immer in Ohnmacht fallen dürften, um solch impertinenten Fragen auf einfache Weise ausweichen zu können. »Ich habe nicht … Ich garantiere für nichts …«
   Er hob sie hoch und wollte sie nach unten tragen. Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände und gab ihm unzählige, winzige Küsse auf den Mund, bis er die Augen schloss.
   »Pass auf, dass wir keinen Abflug auf der Treppe machen«, sagte sie.
   David setzte sie ab. Die Lider immer noch geschlossen, zog er sie fest an sich, sodass sich ihre Lippen fast berührten. »Ich will dich, weil ich weiß, dass ich dich mehr begehre als irgendetwas oder irgendjemanden je zuvor.«
   Und mit einem Mal wurde ihr klar, dass sie dieses Spiel weder physisch noch seelisch gewinnen konnte. Ein Schwächegefühl übermannte sie, das er sofort zu seinem Vorteil ausnutzte. »David, ich würde jetzt …« Sie konnte den Satz nicht beenden, denn seine Hand befand sich bereits zwischen ihren Schenkeln. Saskias Körper vibrierte und wurde von kurzen unkontrollierten Zuckungen geschüttelt. Tapfer versuchte sie, die Lage in den Griff zu bekommen. So leicht wollte sie es ihm nicht machen. Instinktiv spürte sie, dass er das Spiel brauchte, mehr als sie vielleicht, sicher sogar. Sie war nicht daran gewöhnt, zu spielen. Sie fasste nach seinem Unterarm und führte ihn bedächtig wieder nach oben.
   »Kannst du mich noch mal so küssen und dich langsam Stück für Stück weitervorarbeiten.«
   Er beanspruchte ihren Mund so gründlich, dass sich ihre Lippen bald anfühlten, als wären sie nicht nur für den Lippenstift erschaffen worden.
   Seine Finger glitten wieder nach unten, aber Saskia stoppte sie rechtzeitig. »Langsam«, seufzte sie.
   Er küsste zärtlich ihren Hals. Sie stöhnte auf. Im Zentrum ihres Körpers wurde ein Feuer entfacht, dessen Hitze sich überallhin ausbreitete.
   »Ich sollte endlich den Mund halten.«
   »Du hast recht«, stimmte er ihr zu und seine Stimme bebte vor Ungeduld, als er sie wieder hochhob und zum Bett trug. »Du redest zu viel und nicht genug … lassen wir das. Wir können später plaudern.«
   Später?, dachte Saskia verwundert.
   »Du redest schon wieder«, murmelte er, als er ihren Pullover nach oben schob, langsam, Zentimeter für Zentimeter. »Aber ich halte mich an deine Anordnung. Stück für Stück erkunden.«
   Zitternd vor Erwartung sah sie ihn an. »Das sagst du sicher allen Frauen, die unter deinen Händen zu Wachs werden.«
   »Du geschwätziges Ding, halt endlich den Mund und rühr dich nicht mehr, bevor ich es sage.«

*


David legte sich neben sie, öffnete ihr den Spitzenbüstenhalter, ohne ihn abzustreifen. Er durfte nichts überstürzen. Unter den Spitzen ihres schmalen Slips konnte er das Dreieck dunklerer Haare durchscheinen sehen. Saskia streckte die Arme über den Kopf, bog den Rücken wie eine Katze. Er seufzte, näherte sich ihrer Haut, entfernte sich wieder, als könnte er sich nicht entscheiden, wo er beginnen sollte, solange er nicht alles gesehen hatte. Langsam entblößte er sie, betrachtete sie, genoss das sanfte Knistern, des Stoffes genauso wie die Reaktion ihrer Haut. Prickelnde Schauder des Verlangens rieselten über ihren Körper, sobald er ihr nahekam. Er ließ seinen Mund an ihrem Nacken entlangwandern, kurz verharren und anschließend der Linie ihres Unterkiefers folgen. Dann kehrte er wieder zu ihrem Mund zurück und strich über ihren Bauch hinunter zwischen die Beine. Sie zitterte. »Entspann dich, mein Liebling. Es ist gut.«
   »Ich versuche es«, wisperte sie und schloss die Augen.
   Er drang heiß und glatt mit der Zunge in ihren Mund ein. Sie berührten und liebkosten einander, langsam umfasste er von unten ihre rechte Brust und schob sie nach oben. Die Brustspitze war schon hart. Er begann, sie zärtlich mit der anderen Hand zwischen Daumen und Zeigefinger zu rollen.
   »David, David …«
   Er hörte nicht auf. Immer wieder streichelte er ihren Körper mit seinen Fingerspitzen – ihre Brüste, ihren Bauch, ihre Schenkel –, Stück für Stück, wie sie es wollte, bevor er mit seinem Mund von Neuem begann. Das war zu viel. Saskia wandte sich hin und her. Ihre Fingernägel krallten sich in seine Schultern. Sie kam in ungezügelte Ekstase.
   »Zum Teufel«, schrie David halblaut. »Wie großartig eine Frau doch sein kann, besonders du!«
   »Dann vergiss die Anordnung und das Erkunden Stück für Stück«, flüsterte sie und schlang die Beine um ihn.
   Sie waren so berauscht, dass sie einen Orkan ignoriert hätten, so leicht vor Begierde, das, wäre die Welt aus den Angeln gekippt, sie es nicht bemerkt hätten. So wild vor Lust, dass sie sich, um sich näher zu sein, hätten beißen mögen.

*


Eine Stunde später, als die Sonne längst untergegangen war, fand Saskia die Kraft zu sprechen. Ihre Stimme klang ihr fremd in den Ohren, so als hätte man sie auseinandergenommen und auf eine bessere, interessantere Art wieder zusammengesetzt. »Jetzt, wo du die Folgen kennst … Bist du froh, dass du die Gelegenheit ergriffen hast?«
   »Ich bin nicht sicher, ob mir diese eine Gelegenheit genügt«, sagte David zärtlich und seine Hände drückten ihre nachgiebigen Schenkel mit einer gebieterischen Gewandtheit auseinander, die nichts mit seinem Tonfall gemein hatte. »Ich werde es noch einmal riskieren müssen …, um absolut sicherzugehen.«
   »Sollten wir nicht … auf Deck anfangen … wie am späten Nachmittag?«
   »Du stehst auf Zuschauer, was?« Er knabberte an ihrem Ohr.
   Sie schüttelte lächelnd den Kopf. »O Gott, nein. Du bist mir genug.«
   »Aber«, sagte er und küsste sie so sanft wie oben auf dem Deck, während seine Finger auf Erkundungsreise gingen. »Wir können so tun als ob.«
   »Warum denn als ob?«, keuchte Saskia, als er wieder in sie eindrang. »Das ist das wahre Leben, oder?«

*


Am späten Abend saßen sie glühend vor verhaltenem Verlangen, im Restaurant Le Prieuré mit seinen alten Gewölbemauern in der Altstadt von Thonon-les-Bains und bestellten ihr Abendessen.
   »Hier sitzt man wie in einer malerischen Almhütte.« Saskia durchbrach das Schweigen, das sie umfing, weil sie sich einfach zu viel zu sagen hatten und nicht wussten, wo sie beginnen sollten.
   »Mhm«, stimmte David ihr zu, hielt den Blick auf sie gerichtet. War es das nun? War er verliebt? Konnte er überhaupt eine Frau lieben? Noch nie hatte ihn etwas so verwirrt wie die Erfüllung, die er fühlte, nicht nur körperlich – und es war sicher der beste Sex, den er je gehabt hatte –, sondern auch emotional, als hätten sie sich ihr ganzes Leben gekannt. Und gerade das machte ihn misstrauisch. Gewöhnlich ging er mit seinen Gefühlen sparsam um, hielt seine Partnerinnen auf Abstand, vermied, dass aus Sex Freundschaft werden konnte, sodass dieser Überschwang ihn ratlos werden ließ. Und als er den Kopf hob, ihren verwirrten Blick auffing, sah er, dass es ihr ebenso ergehen musste. Doch nur für einen Moment, dann wurde ihr Blick weich und sicher. Als gäbe es keine andere Antwort, als dass sie richtig waren, diese Gefühle, diese Vertrautheit. Dass sie reichen würden für ein ganzes Leben.
   David griff hastig nach dem Weinglas und trank den Ripaille in einem Zug, als könnte das seine Rettung sein, aber alles, was er wirklich wollte, war, diesen göttlichen Körper ebenso zu erkunden wie Saskias Seele.

Kapitel 4


Als Saskia am nächsten Mittag in der Galerie erschien, war Gilbert bereits da. Sie hatte ihrem Assistenten am Abend vorher eine SMS geschickt und ihn gebeten, das Geschäft zu öffnen, obwohl er eigentlich erst gegen zwei Uhr hätte erscheinen sollen.
   »Hallo Saskia«, sagte Gilbert.
   Er kam die Treppe hinunter, die zum Zwischengeschoss führte, der Lounge, wie Saskia sie getauft hatte. An einigen Wänden lehnten Entwürfe der zukünftigen Ausstellungen, die er bereits ausgewählt hatte. Gleichzeitig fungierte das Zwischengeschoss als Büro.
   »Für dich ist heute Morgen ein Paket abgegeben worden. Laut dem Absender ist es von deiner Mutter.« Er grinste frech.
   Saskia lächelte. Typisch. Der liebe, vorwitzige Gilbert, der aussah wie ein kalifornischer Surfer mit Dreitagebart, den er so pflegte wie Saskias Mutter ihre kostbaren Rosenstöcke, konnte sich einfach nicht zurückhalten, dafür war er viel zu neugierig. »Danke, Gilbert. Ich habe schon darauf gewartet. Du weißt schon, die edlen Pralinen aus Belgien.«
   Gilbert verdrehte verschwörerisch die Augen.
   »Wenn du lieb bist, bekommst du vielleicht was ab.«
   »Ich bin doch immer lieb.«
   »Hast du nach Amélies Kater gesehen?«
   Gilbert schüttelte den Kopf. »Nein. Diese Kreatur hat was gegen mich. Kein Wunder, er gehört ja Amélie.«
   »Was hast du nur gegen Amélie? Sie ist gar nicht so übel, wie du sie immer hinstellst«, sagte Saskia fröhlich.
   Das grimmige Lächeln bewies, dass er sich so leicht nicht geschlagen gab. Dann hoben sich die Mundwinkel.
   »Hier ist noch ein kleines Päckchen. Das wurde abgegeben, kurz, bevor du gekommen bist. Sieht edel aus.« Er grinste und wackelte mit den Augenbrauen, als er ihr die Schachtel über den antiken Schreibtisch reichte, und hielt inne. Seine Lippen öffneten sich zu einem großen O, als sähe er sie zum ersten Mal. »Was ist denn mit dir passiert?«
   »Ich weiß nicht, was du meinst?«, sagte Saskia und schnappte nach dem Karton.
   »Ach nein?« Er entriss ihn ihr und schwenkte ihn in der Luft hin und her.
   »Gib ihn mir sofort zurück.«
   »Ist das das Geheimnis? Du bist seit Freitag, als ich dich das letzte Mal gesehen habe, noch schöner und strahlender geworden. Dann will ich das auch!«
   »So? Was du nicht sagst.« Sie versuchte, ihm das Päckchen abzunehmen. »Her damit.«
   »Spielverderberin.« Er gab es ihr zurück und schmollte. »Saskia, bitte spann mich nicht immer so auf die Folter.« Er verdrehte die Augen, verschränkte seine Arme und wippte auf seinen Füßen ungeduldig vor und zurück.
   Saskia riss das Seidenpapier in Windeseile auf und hielt ein Miniaturboot in der Hand.
   »Sieht aus wie ein Schiff.« Gilbert starrte das Modell voller Widerwillen an. »Hast du vor eine Ausstellung auf einem Windjammer zu organisieren? Ohne mich.« Er hob abwehrend die Hände hoch. »Ich hasse Wasser und Boote.«
   »Eine Vernissage auf einem Segler. Spinner!«
   Sie ignorierte die Empörung und las die Karte, die auf dem Boden des Kästchens lag.
   Mein Liebling, ich möchte, dass du dieses Schmuckstück bei unserer Hochzeit trägst. Das Blau passt so wunderschön zu deinen Augen. Ich liebe dich und kann es kaum erwarten, dich wiederzusehen. David.
   »Oh, mein Gott!« Saskia hatte nach genauerer Betrachtung eine Einkerbung gefunden, durch die das obere Teil des Dreimasters wegklappen konnte. Sorgfältig mit Samt ausgeschlagen lag darin ein Collier mit tiefblauen Saphiren besetzt.
   »Ist das nicht fantastisch?« Sie hielt die Kette an ihren Hals und betrachtete sich in dem riesigen Barockspiegel, der hinter ihrem Schreibtisch hing. Außer sich vor Freude wirbelte sie in der Galerie herum. Zuerst durch das Foyer und dann durch den Hauptraum. »Gilbert, was sagst du dazu?«
   »Wie für dich gemacht, aber könntest du mich bitte mal aufklären?« Die Empörung war nicht gespielt und auch Besorgnis schwang in seiner Stimme mit. Sie hielt ihm ihre linke Hand vor die Augen. Gilbert starrte auf den kostbaren Ring und stieß einen leisen Pfiff durch die Zähne. »Wer ist der Glückliche?«
   »Stell erst deine Tasse ab, sonst besteht die Gefahr, dass du einen riesigen Kaffeefleck auf der Hose hast.« Sie kicherte und Gilbert gehorchte, betrachtete sie aber, als habe sie den Verstand verloren. Gleich würde er wissen, wie nahe er der Wahrheit damit kam. »Es ist … David Montfort.«
   »Ach, du liebe Zeit. Ich glaube es nicht. Ich habe von dem Gerücht gehört, dass ihr zusammen von dieser grauenvollen Party verschwunden seid, aber du und David ein Liebespaar …«
   »Doch. Und wir werden heiraten.«
   »Nach einem Tag?«
   »Ja.«
   »Du nimmst mich auf den Arm«, flüsterte Gilbert und fuhr sich durchs Haar. Dann sah er in ihr Gesicht, musste wohl neben dem Strahlen die altbekannte Entschlossenheit in ihren Zügen entdecken. Er schüttelte den Kopf. »Ihr habt den Verstand verloren.«
   Saskia nickte lachend und nahm ihr Handy, um David eine SMS zu senden, in der sie sich für das Geschenk bedankte. Mit jeder Bewegung kehrte die Erinnerung an seine Berührungen zurück. Plötzlich war ihr Gilberts Gegenwart peinlich, und während sie die letzten Zeilen eintippte, war sie bereits auf dem Weg nach oben, in ihre Wohnung.
   Shakespeare, der Perserkater, lag majestätisch auf dem weißen Sofa und drehte gelangweilt den Kopf, als sie hereinkam. Mit einem überraschend kraftvollen Satz landete er zufrieden schnurrend in Saskias Armen, seine dunklen Augen funkelten geheimnisvoll.
   »Hallo Süßer«, sagte Saskia und streichelte das üppige, blaugrau schimmernde Fell. »Was gibt es bei dir Neues?«
   Das Schnurren wirkte verschwörerisch. Diese Katze war einfach unergründlich. Amélie hatte ihr vorgeschlagen, ihren Liebling von Zeit zu Zeit bei Saskia zu lassen, damit er auch an eine andere Person und Umgebung gewöhnt war und sie ihn für einige Tage oder Urlaubswochen bei ihr lassen konnte. Und wie nicht anders zu erwarten, war es mittlerweile die dritte Eingewöhnungsphase. Saskia vergrub ihr Gesicht im seidenweichen Pelz.
   »Okay, Shakespeare, sehen wir nach, was es zum Mittagessen gibt.« Sie trug das Tier in die Küche und machte den Kühlschrank auf.
   »Eingelegte Heringe, Hühnchen oder Thunfischterrine.«
   Shakespeare schmiegte sich verliebt an Saskias schlanken Hals. Also wirklich, dachte Saskia, dieser Kater hat beinahe noch mehr Charme als David. Sie nahm die Pastete aus dem Kühlschrank, und Shakespeare miaute seine uneingeschränkte Zustimmung. Sie verteilte Pâté und Hühnchen auf zwei kleine Porzellanplatten und setzte das Fellknäuel auf den Küchentisch. Ohne Gier nahm er Stück für Stück von seinem Teller, nicht ohne ab und zu nach Saskias zu schielen. Aber wenn er versuchte, ein Stück zu ergattern, brauchte sie nur den Finger zu heben, damit er sich wieder um seine eigene Mahlzeit kümmerte. Ob das bei David auch so funktionieren würde? Bei dem Gedanken musste sie lachen und hätte sich fast verschluckt. Sie lehnte sich zurück und kraulte Shakespeare.
   Es war wirklich verrückt, was sie und David vorhatten. Bei solchen Kleinigkeiten merkte sie erst, dass sie ihre Macken ja gar nicht kannten oder auch nur erahnen konnten. Aber sie war sich so sicher, dass er der Richtige war, dass sie den Gedanken gleich verdrängte und sich ein Stück Pastete in den Mund schob.
   Gerade als sie ihr gemeinsames Mahl beendet hatten, ging das Telefon.
   »Hallo Liebes.«
   Saskia begann sofort auf den Zehenspitzen vor und zurück zu wippen und schaute dabei wie ein kleines Mädchen an die Decke, sich sicher, die übliche Litanei zu hören zu bekommen.
   »Hallo, Mama. Danke für dein Päckchen. Ich hatte noch gar keine Zeit, es aufzumachen. Aber gleich werde ich mir die ersten Köstlichkeiten zu Gemüte führen. Wie geht es euch?«
   »Gut, mein Schatz. Du solltest öfter nach Hause kommen. Dein Vater würde sich auch freuen.« Es war immer dasselbe.
   »Ach, Mama. Ich war doch erst vor vierzehn Tagen bei euch. Und ich werde die Tage mit meinem zukünftigen Mann vorbei kommen, wenn es euch passt, damit ihr ihn kennenlernt.«
   »Was?«
   Es war ein hysterischer Schrei, der Saskia in die Glieder fuhr. In Gedanken sah sie das Gemälde von Edvard Munch vor sich. Der Schrei. »Mama, beruhige dich. Deine Tochter wird doch nur heiraten.«
   »Aber … aber …«, stammelte ihre Mutter aufgeregt. »Dein Vater und ich wissen doch noch nicht einmal von einem Freund.«
   Die Pause war so lang, dass Shakespeare vom Tisch sprang und beruhigend an ihren Beinen entlangstrich, als spürte er die zunehmende Spannung.
   Einen Augenblick später hatte sich ihre Mutter gefasst. »Bist du total übergeschnappt? Du nimmst doch keine Drogen wie dieser Gilbert, den du angestellt hast? Du willst doch nicht etwa Gilbert …«
   »Gilbert mag Männer, Mama, als Frau würde ich nicht einmal Regungen ihn im wecken, wenn wir auf einer einsamen Insel wären. Nein, ich kenne David erst seit zwei Tagen, und er hat mich gefragt, ob ich ihn heiraten werde. Ich habe Ja gesagt, weil ich mir noch nie im Leben so sicher war«, sagte sie, während sie Shakespeare an den Tisch folgte, um ihn daran zu hindern, in den Rest der Pastete zu steigen.
   Sie hörte ein Seufzen am anderen Ende, so wie damals, wenn eine Nonne anrief, weil Saskia mal wieder einen Tadel erhalten hatte.
   »Wer ist der Glückliche?«
   »Setz dich bitte hin, Mama.«
   »Ich sitze bereits.«
   »David Montfort.«
   »Was! Der Sohn von Armand Montfort? Der Pressezar?«
   »Genau der.« Saskia konnte sich lebhaft vorstellen, wie ihre Mutter verzweifelt den Kopf schüttelte. Nicht wegen David, nein, sondern weil ihre Tochter das machte, was sie wollte, ohne Rücksicht auf ihre Eltern und deren Ansehen in der Gesellschaft. Nun kam, was immer kam, wenn etwas Patricia Lecontes Nervenkostüm überforderte. »Ich gebe dir deinen Vater.«
   »Hallo, Dad.«
   »Hallo, Saskia, mein Liebling. Mit welcher Neuigkeit hast du deine Mutter so schockiert? Hast du Geldsorgen, hast du den Jaguar zu Schrott gefahren oder brauchst du dringend etwas?«
   Ihr Vater wusste, dass sie ihre Familie nie auch nur um einen Cent gebeten hätte. Alles, was sie bis heute erreicht hatte, hatte sie allein gemeistert. Vater war immer stolz auf sie gewesen, ihre schulischen Leistungen, ihre Halsstarrigkeit, ihre Verweigerung, sobald es um gesellschaftliche Pflichten ging. Er hatte auch nie versucht, Saskia zu einem Jurastudium zu zwingen, um später die Kanzlei zu übernehmen, hatte ihre Leidenschaft für die Kunst immer gefördert. Vielleicht auch nur, weil er wusste, dass sich diese Berufung ohnehin nicht unterdrücken ließ. Auch wenn Saskia bewusst war, dass er sich einen Sohn gewünscht hatte, zeigte das Leuchten in seinen Augen, jedes Mal, wenn sie nach Hause kam, dass er nie bereut hatte, sie zur Tochter zu haben.
   »Dad! Danke, ich brauche nichts, und mein Auto ist in tadellosem Zustand. Aber ich werde heiraten. Und bevor du fragst, es ist David Montfort, der Sohn, du weißt schon, und ich kenne ihn gerade mal sechsundfünfzig Stunden.«
   »Ich kenne den Junior zwar nicht, aber ich glaube, er hat dich verdient«, sagte er leise, und sie meinte, ihren Vater lächeln zu sehen. »Du hörst dich sehr verliebt an, meine Kleine.«
   Das Einverständnis tat gut. Sie konnte sich immer auf ihn verlassen. »Das bin ich. Und sicher bin ich mir auch, so wie er. Du verstehst das, oder?«
   Er lachte sein leises, tiefes Lachen. Amélie sagte immer, dass sie nicht nur ihre Entschlossenheit, sondern auch ihre dunkle Stimme ihrem Vater verdankte. »Das müsst ihr beide ganz für euch allein entscheiden. Und deine Mutter wird sich wieder beruhigen.«
   »Dad, du bist einfach wunderbar.«
   »Danke.« Die Antwort war so schlicht wie ernst gemeint. »Wann dürfen wir denn unseren zukünftigen Schwiegersohn kennenlernen?«
   »Wie wäre es mit nächstem Freitag?«
   »Geht in Ordnung. Wir freuen uns, meine Kleine. Du bist das Beste, was deiner Mutter und mir passieren konnte. Wir lieben dich sehr.«
   »Und ich liebe euch auch, Dad. Bis Freitag – und glaube mir, du wirst von deinem zukünftigen Schwiegersohn nicht enttäuscht sein.«
   »Das weiß ich, denn du bist in ihn verliebt. Bis Freitag dann, meine Kleine.«
   Er legte auf, und Saskia wusste, er würde ihre Liebe verteidigen müssen, bis er ihre Mutter beruhigt und von den Vorteilen der Verbindung mit den Montforts überzeugt hatte. Auch wenn es neues Geld war und Patricia Leconte auf nichts mehr Wert legte als auf die Tradition der Familie, in der immer nur Juristen eine Rolle spielten.
   Saskia ging in die Küche zurück, wo sie das Päckchen ihrer Mutter liegen gelassen hatte. Sie musste andauernd an David denken, und ihr Herzklopfen hatte nichts mit der alltäglichen Hektik zu tun, als sie anfing, sich eine Praline nach der anderen in den Mund zu stecken und dabei den Kater auf Abstand zu halten, da dieser versuchte, für sich wenigstens eine zu ergattern. Saskia ließ sich nicht erweichen; Schokolade ist für Katzen tabu, hörte sie Amélies ermahnende Worte. Shakespeare miaute unzufrieden und schnupperte an der Verpackung. Saskia nickte ihm zu und zog das Pralinenpapier zu sich, nahm einen Stift und kritzelte darauf herum.
   Verrückt. Wenn sie unter Stress stand, zeichnete sie immer irgendwelche Hieroglyphen, die keinerlei Bedeutung hatten. Eine Angewohnheit, die tief sitzende Aggressionen symbolisiere, hatte ihr mal ein Analytiker gesagt. Eine Art für unterdrückte Sehnsucht nach Liebe und Harmonie, hatte er hinzugefügt und dass es wohl das Verhältnis zur Mutter sei, das dafür verantwortlich wäre. Dies zu wissen, hatte nichts daran geändert, dass sich ihre Mutter nur für ihre Mandanten interessiert hatte, es sei denn, Saskia hatte etwas angestellt. Wie, sich mit einem Doktor der Kommunikationswissenschaften und Erbe eines Medienkonzerns zu verloben anstatt, wie es die Tradition wollte, mit einem Juristen. Saskia lächelte traurig und erinnerte sich an die vielen Jahre, die sie damit verbracht hatte, Mutters Anerkennung zu erringen. So behielt sie in ihrem Job immer einen klaren Kopf, aber Gefühle brachten sie durcheinander, machten sie hilflos, ganz besonders, wenn es um Beziehungen ging. Vielleicht flüchtete sie sich deshalb so in die Arbeit. Ihrem Erfolg konnte sie wenigstens vertrauen. Er log nicht und tat ihr nicht weh.
   Doch bei David war alles anders, und das verwirrte sie. Saskia wurde heiß und ein flaues Gefühl machte sich in ihr breit. Sie liebte diesen Mann wie wahnsinnig.
   Emotionales Chaos? Das war das Letzte, was sie brauchen konnte, hatte sie sich immer eingeredet und zur Regel gemacht. Jetzt genoss sie es, diese Berg- und Talfahrt der Emotionen, genoss die Reaktionen ihres Körpers, wenn sie sich Davids Gesicht vorstellte oder seine Hände, genoss die Schmetterlinge in ihrem Bauch, weil sie nur Zeichen ihrer Liebe waren.
   Sie sah auf ihre Armbanduhr, verbat sich weitere Verwirrungen und hoffte, dass die alten Mechanismen wenigstens für eine Weile funktionieren würden, legte einige Pralinen auf einen kleinen Teller und ging wieder hinunter in die Galerie. Gilbert war von seiner Mittagspause zurück, nahm verzückt ein Konfekt und steckte es sich genüsslich in den Mund.
   »Diese Leticia Allison will nächste Woche ein Interview für die Sonntagsausgabe. Hast du Mittwoch Zeit?«
   Das flaue Gefühl im Magen verstärkte sich. Hatte Amélie etwa … Nein, soweit würde nicht mal sie gehen. Wahrscheinlich hatten der Allison einfach die Bilder gefallen, oder der junge belgische Maler, mit dem sie die Vernissage verlassen hatte. Saskia grinste, damals hatte sie noch Witze darüber gemacht, dass man so schnell nicht mal dem aufregendsten Mann erliegen könnte, und Gilbert hatte nur wissend dazu gelächelt und gesagt, dass sie es eines Tages verstehen würde. War das wirklich erst paar Tage her?

Um sieben Uhr stieg Saskia erschöpft die leicht ausgetretenen Treppenstufen zu ihrer Wohnung hinauf und ignorierte Shakespeares hungriges Miauen. David hatte am Nachmittag angerufen, um ihre Stimme zu hören, aber sie hatte unheimlich viel zu tun und konnte nur ein paar Minuten lang mit ihm telefonieren. Trotzdem hatte allein sein Sprachklang ausgereicht, um sie aus der Fassung zu bringen.
   Die Kunden hatten sich die Klinke in die Hand gegeben, nicht nur Sammler, auch Laufkundschaft. Ihr Konzept schien aufzugehen. Keine konservative Galerie, in der bei Vernissagen maue Stimmung herrschte, wenig Leute kamen und Künstler, die von der Kundschaft isoliert wurden. Sie sah die Galerie als angenehmes Ambiente, um Käufer und Maler zusammenzubringen. So öffneten sie einmal die Woche ab vierundzwanzig Uhr die Mitternachtsgalerie, lud Schulklassen ein und an jedem dritten Samstag gab es Livemusik. Dazu zwei Vernissagen pro Monat. Auch die Aufteilung der Ausstellungsräume, die mit vielen verschieden Sitzgelegenheiten ausstaffiert waren, luden dazu ein, die Kunstwerke aus allen Blickwinkeln und aller Muße zu betrachten. Obwohl die Kunstberatung das Hauptstandbein war, widmete sich Saskia jedem Besucher mit der gleichen Aufmerksamkeit, egal, ob man sich nur mal umschauen wollte oder die Kreditkarte bereits in der Hand hatte. Diese familiär-mondäne Atmosphäre hatte sich schnell herumgesprochen, und so kamen immer mehr Menschen in die Galerie.
   Wenigstens hatten sie die Gespräche von David abgelenkt, doch kaum hatte sie das Schiff auf ihrer Kommode entdeckt, beherrschte er wieder ihre Gedanken. Sie ließ sich ein Bad ein, tauchte mit einem wohligen Seufzer in das warme, angenehm nach Lavendelöl duftende Wasser ein und gönnte sich eine halbe Stunde Ruhe. Danach zog sie einen gemütlichen Hausanzug an und schmuste mit Shakespeare. An Fernsehen oder Musik hören war nicht zu denken, denn sie musste noch dringende Unterlagen durchsehen. Da gab es kein Pardon, bis ihr Handy klingelte.
   »Hier spricht dein Admiral.«
   Saskia musste lächeln. Nur David konnte auf solche Ideen kommen.
   »Gehe ich recht in der Annahme, meine Teuerste, dass es bei heute Abend bleibt? Du willst doch sicher nicht, dass in der morgigen Ausgabe des meistgelesenen Wochenmagazin Illustré geschrieben steht, das der Stolz des Schweizer Kunsthandels seine Abmachungen nicht einhält, oder?«
   »Nein, natürlich nicht«, gab Saskia zurück. »Aber ich schwöre dir, Montfort, wenn du weiter Teuerste zu mir sagst, werde ich überall herumposaunen, dass du den Verstand verloren hast.«
   »Oh, Pardon, Florett oder Degen, Gnädigste?«
   Sie musste lachen, doch die Spitze saß tief. Warum musste sie sich immer so lächerlich machen, mit ihrem schnell aufflammenden Zorn? Sie benahm sich schlimmer als ein Teenager bei der ersten Verabredung. »Ich kann es nicht abwarten, dich wiederzusehen, David. Nur hier stapeln sich die Exposés. Und bevor ich mich mit dir ins Nachtleben stürze, muss ich mich umziehen und Amélies Kater versorgen.«
   »Klingt, als hättest du ein ziemlich hektisches Privatleben. Findest du da noch Zeit für einen verzweifelt liebenden Seemann?«
   »Verdammt, rutsch mir den Buckel runter, Montfort!«
   »Solche Worte mag ich. Komm schon, Saskia, ich weiß doch, dass du das Leben genießen kannst. Und heiraten werde ich dich auch, wenn du dich als Drache gibst.«
   Seine Stimme klang so freundlich und natürlich, dass es Saskia warm ums Herz wurde. Er hatte recht. Warum musste sie immer so zickig sein? »Tut mir leid«, sagte sie leise. »Es war nicht so gemeint. Aber ich habe im Moment eine fürchterliche Unordnung zu Hause.«
   »Hantierst du mit Handgranaten in deiner Wohnung?«
   »Könnte man so sagen. Chaos ohne Ende und kein Räumkommando, um es zu beseitigen.« Dann lenkte sie ein. »Wie wäre es, wenn du etwas vom Italiener oder Chinesen mitbringst, dann kannst du meine chaotische Seite kennenlernen?«
   »Verstehe«, sagte David. »Zuerst ist die Wohnung ein solcher Saustall, dass ich sie nicht so zu Gesicht kriegen darf. Urplötzlich ist alles halb so schlimm, und ich soll mich um das Essen kümmern und hinterher aufräumen.«
   »Sie sind ein schlaues Kerlchen, Montfort.«
   »Indisch?«
   »Akzeptiert.«
   »Dann öffne mir bitte die Tür, solltest du beabsichtigen dein Essen im warmen Zustand einzunehmen.«
   Saskia rannte mit ihrem Handy, das sie immer noch am Ohr hielt, durch den Flur, drehte den Schlüssel herum und riss die Tür auf. Vor ihr stand David mit einem Korb gefüllt mit einer Flasche Champagner und etliche Packungen mit indischen Schriftzeichen darauf. Er hatte den Hintereingang benutzt, da er von Saskia wusste, dass dieser erst um zweiundzwanzig Uhr verschlossen wurde. Sie sahen sich an und brachen in Gelächter aus.
   »Du bist unmöglich.«
   »Ich weiß, und darum liebst du mich so«, sagte er zärtlich.
   Der Länge nach auf dem Fußboden im Wohnzimmer ausgestreckt, starrten David und Shakespeare auf den Stapel von Unterlagen, in die sich Saskia vertieft hatte.
   »Ich hoffe, ihr Jungs fühlt euch nicht zu sehr ausgeschlossen.«
   »Ach, nein, überhaupt nicht«, sagte David, als er das auf dem Rücken liegende, schnurrende Fellbündel streichelte. »Sei froh, dass du Amélies Katze bist, sonst würdest du vor Vernachlässigung und Einsamkeit umkommen.«
   Mit einem erschreckten Miau hopste Shakespeare über den Teppich direkt auf Saskias Schoß und machte sich über die Reste auf den Tellern her.
   »Wie kannst du diesem wehrlosen Tier nur so grausame Sachen erzählen?«
   »Sag’s mir, Liebling. Du bist doch der Schöngeist hier.«
   »Und du die Intelligenzbestie. Was würde ich nur ohne dich tun, Herr Doktor?«
   »Keine Ahnung. Wahrscheinlich die weltweit führende Expertin für zeitgenössische Kunst werden.«
   »Tut mir leid, wirklich.« Saskia schob demonstrativ die Unterlagen von sich und schenkte David ein verführerisches Lächeln. »Jetzt kommen die wichtigen Dinge dran.«
   »Saskia«, David kratzte sich unschuldig am Kopf, »worauf willst du hinaus?«
   »Es hat köstlich geschmeckt.« Sie glitt auf den Boden und drehte sich auf den Rücken. Bevor David auch nur seine Hand darauf legen konnte, saß Shakespeare auf ihrem Bauch und rollte zufrieden herum. »Ihm hat es auch gemundet.«
   »Sicher«, sagte David. Er hob den Kater auf das Sofa und rollte sich zu Saskia hin, um sie zu küssen. Seine Finger wanderten hinauf und hinunter wie Shakespeare. »Wie wäre es mit Nachtisch?«, fragte er, während er seine Hand leichthin zwischen ihre Schenkel spazierte.
   »Wunderbarer Gedanke.«

Kapitel 5


Jean Yves lächelte in sich hinein. Heute würde er sich nicht vor den humorlosen Freundinnen seiner Frau in der Bibliothek oder sogar in seinem Arbeitszimmer verstecken müssen, dafür schien Patricia nervöser, als er es je an einem späten Freitagnachmittag erlebt hatte. Kein Wunder, sie warteten schließlich auf ihren zukünftigen Schwiegersohn.
   »Hoffentlich trägt er nicht auch noch Männerschmuck, so was mit Diamanten besetztes, oder noch schlimmer ein Piercing im Gesicht«, argwöhnte Patricia, die bereits zum hundertsten Mal den Tisch kontrollierte. »Bei den jungen Leuten heutzutage weiß man ja nie.«
   »Sei nicht unfair, Schatz«, sagte Jean Yves. »Ich weiß, dass dir für Saskia niemand gut genug ist, nicht einmal ein Montfort. Auch wenn er interessant und intelligent ist und ganz bestimmt sehr gute Manieren hat. Und einen Doktortitel dazu.«
   »Warum müssen sie denn gleich heiraten? Heute lebt man doch erst einmal zusammen.« Patricia starrte düster in den Garten. Seit Saskia mit ihrem Studium fertig war, wünschte sie sich nichts sehnlicher, als ihre Tochter unter die Haube zu bringen. Man wurde schließlich nicht jünger, sagte sie immer. Und sie würde zu gern noch ein paar Enkel haben, bevor sie vor ihren Schöpfer treten musste, das wusste er.
   Jean Yves tätschelte seiner Frau die Hand. »Freu dich doch, dass bei den jungen Leuten die alten Werte wieder wichtig sind und dazu gehört wohl auch, dass man schnell heiratet, wenn man sich sicher ist.«
   Patricia verdrehte die Augen. Sie war nicht zu beschwichtigen. »Mein tägliches Brot ist es, Ehen zu scheiden, und darum weiß ich, was da draußen los ist und wie aus einer hormongesteuerten Liebe plötzlich Abscheu und Hass werden können.«
   »Ich bin der Meinung, eine endgültige Trennung ist nicht nur tragisch, sondern sie könnte zugleich auch eine Chance sein, einmal das emotionale Labyrinth unserer zwischenmenschlichen Beziehung zu erforschen.« Jean-Yves lächelte milde.
   »Die Scheidung ist und bleibt das Trümmerfeld einer gestorbenen Liebe. Ich vertrete Menschen«, Patricia räusperte sich, »die hingebungsvoll gegen etwas kämpfen, von dem sie nicht wussten, dass sie es haben.«
   »Und wo ist sie hingekommen, die leidenschaftliche Kampfbereitschaft, als es nötig gewesen war, die Ehe zu retten?«
   »Das frage ich mich auch manchmal«, sagte Patricia leise und sah ihrem Mann dabei in die Augen.
   Jean-Yves legte einen Arm um ihre Schultern. »Niemand geht zu einem Scheidungsanwalt aus Liebe. Und hier handelt es sich um unsere Saskia, unser einziges Kind, die nun mal verliebt ist. Ein Wunder, dass dieser David es überhaupt fertigbringt, sie von ihrer Arbeit und der Galerie loszueisen.«
   Patricia schüttelte verzweifelt den Kopf. »Genau wie ihr Vater.«
   »Ja«, sagte Jean Yves stolz, »genau wie ihr Vater. Und das gefällt mir.«
   Patricia drehte sich zu ihm um und starrte ihn vorwurfsvoll an. »Du bist ja auch nicht besser.«
    Jean Yves erwiderte ihren Blick mit seinem optimistischen, schönsten Lächeln. »Ich weiß!«
   Manchmal kam ihm seine Frau wie ihre Freundinnen vor. Die Schlichten, Strengen mit den ebenmäßigen Zügen und den kinnlangen Haaren, mit faltenlosen Gesichtern, die einander so glichen, dass man sie nicht unterscheiden konnte. Karrierefrauen, die sich untersagten, Empfindungen zu zeigen und niemals lächelten. Sie trugen Kostüme oder Hosenanzüge, die ihre Seriosität unterstrichen und so aussahen wie ihre Trägerinnen; unauffällig, glatt und kalt. Sie waren für Jean Yves humorlose Wesen, wie eines, in das sich Patricia verwandelt hatte: Frauen, die ihre Persönlichkeit der Karriere opferten.
   Am Anfang ihrer Ehe hatten sie viel miteinander gelacht. Erotische Anziehung war der Motor ihrer Liebe gewesen, Humor das Öl darin. Manchmal fragte er sich, wann diese Patricia verschwunden war. Er liebte sie immer noch. Ganz gleich, ob sie sich verändert hatte oder verändern würde. Er würde sie immer lieben.
   Seine Tochter war da anders. Sie hatte im Laufe ihrer Karriere verstanden, dass die Welt nicht nur von Fakten bestimmt wurde, nicht durch Analysen, Sachlichkeit, sondern ausschließlich von Gefühlen, von Sympathie und Antipathie. Sie hatte ihm oft erzählt, dass diese Erkenntnis ihr immer dann weiterhalf, wenn sie nicht mehr weiterwusste.
   »Gnädige Frau! Soll ich schon anrichten?«, fragte Isabella.
   Seit fünfunddreißig Jahren arbeitete sie nun schon bei ihnen. Sie war die gute Seele, und nicht nur Jean Yves bewunderte ihren Fleiß und ihre Zuverlässigkeit. Sie hatte alles stets im Griff. Sie bestimmte den Alltag und den Tagesablauf im Hause Leconte. Isabella schwang das Zepter.
   Patricia wandte sich um und legte einen Arm über die Lehne des Stuhles. Sie sah aus wie eine adelige Dame auf einem Gemälde. Von Rubens. »Ich gebe Ihnen rechtzeitig Bescheid.«
   Mit gesenktem Kopf verließ Isabella den Raum.
   Im gleichen Augenblick hörte man draußen den laufenden Motor eines Wagens, der kurz darauf verstummte.
   »Da sind sie.« Jean Yves sprang auf und eilte an Patricia vorbei. Er trug auch heute einen Anzug mit Weste, bevorzugt aus dunkelblauem oder grauem Nadelstreifen, einreihig, nach Maß angefertigt, im Sommer aus dünnem Tuch, im Winter aus Kaschmir. Dazu trug er handgefertigte Schuhe und seine Hemden waren stets einfarbig, weiß oder hellblau mit passender Hermès Krawatte. Nur an den Wochenenden, beim Sport oder im Urlaub kleidete er sich leger. Doch selbst mit einer alten Wollstrickjacke, in karierten Golfhosen oder in Tenniskleidung nannte Patricia ihn ihren eleganten Justiziar. Wenn sie glaubte, er bemerkte es nicht, schwärmte sie ihren Freundinnen vor, als wäre sie noch immer das fröhliche Mädchen, das er geheiratet hatte.
   »Groß ist er, kräftig, hat Charme und Souveränität, er lacht gern und zeigt seine makellosen Zähne, seine Stimme ist dunkel, sein Wesen hell. Er hat eine gewinnende Art. Jedem, dem er begegnet, nimmt er für sich ein, und das ist auch ein großer Teil seines beruflichen Erfolges: Was immer er anfasst, gelingt ihm, was immer er will, erreicht er.«

*


David stieg aus seinem Wagen und hielt Saskia galant die Wagentür auf. »Darf ich bitten, Madame?« Sein Lächeln wirkte lausbubenhaft, und es ließ seine Augen funkeln. Er warf einen prüfenden Blick auf die Fenster der herrschaftlichen Villa und schloss Saskia fest in seine Arme. »Wir werden beobachtet. Sind deine Eltern immer so neugierig?«
   Saskia seufzte. »Wenn es nur das wäre.«
   »Dann führe mich zur Schlachtbank.« David grinste.
   Sie hauchte ihm einen Kuss auf seine Wange und schritt herzklopfend mit ihm die riesige Treppe zum Eingangsportal hinauf.
   David schien sich nicht bewusst zu sein, was für einen Eindruck er auf andere machte. Das war einer der Gründe, warum Saskia ihn liebte. Jedenfalls hielt ihre Mutter den Atem an, als er nach einer höflichen Begrüßung ihre Hand hob, einen Kuss darüberhauchte und sie mit seinem charmanten Lächeln einhüllte. Amüsiert verfolgte Saskia, wie ihre Mutter Wachs in seinen Händen wurde und vorsichtig die Hand zurückzog, freudig erregt wie ein Schulmädchen.
   Bei Vater würde es schwieriger sein. Saskia hielt den Atem an. Sie gaben sich nur die Hand und nickten einander zu, als würden sie sich seit Jahren kennen. Vater zwinkerte ihr zu. Ihr geheimes Zeichen, dass die Sache in Ordnung ging, egal, was Mutter davon hielt. Die schien noch immer in Davids Zauber gefangen und blickte an ihnen vorbei in den Garten.
   »Hallo, Mama.« Saskia umarmte ihre Mutter, die sie überrascht ansah. »Tut mir leid, dass wir uns ein wenig verspätet haben. David wurde im Büro aufgehalten.«
   »Das geht uns doch allen so«, sagte ihre Mutter und konnte ihren Blick nicht von David abwenden. »Es freut mich, Sie in unserem Haus begrüßen zu dürfen. Kommen Sie herein, legen Sie ab.«
   Ein Mädchen mit weißer Schürze forderte mit einer eindeutigen Geste auf, ihm seine Garderobe zu übergeben. Ein paar Sekunden lang fixierte sie seine Augen; sie war jung, etwas hochnäsig, aber hübsch.
   »In diesem Haus hat alles seine Ordnung«, flüsterte David amüsiert und sah wieder Patricia an, bevor er seinen Arm anbot. Mutter legte ihre Hand darauf, ganz leicht, als wäre sie eine Dame aus einem ihrer Lieblingsromane. Einiges hatte Saskia erwartet, aber nicht das. David war einfach wunderbar.
   »Bekomme ich denn keinen richtigen Kuss mehr?«, fragte ihr Vater, und seine Stimme schien so erheitert und verwundert. Saskia drehte sich um, sah sein Lächeln, das bis tief in sein Inneres reichte, und warf sich in seine Arme.
   »Aber klar, Dad.« Sie drückte sich zart fort und beäugte ihn, brauchte die Frage nicht zu stellen und hakte sich bei ihm unter. »Er ist wirklich so, Dad. Dieser Mann ist ein Traum.«
   »Wenn du das sagst, Kleines.« Er seufzte leicht, und sie fragte sich, ob er doch Zweifel hatte, aber dann schmunzelte er wieder. »Hoffen wir, dass der Zauber anhält. Ich hatte schon die Befürchtung, dass es ein sehr anstrengendes Wochenende werden könnte.«
   Saskia lachte und ließ sich in den Salon führen, wo ein Begrüßungscocktail bereitstand.
   Sie schaute zum Fenster. Es nahm fast die ganze Wand ein, Glas vom Boden bis zur Decke, darunter reihten sich ein paar große Schalen mit Grünpflanzen nebeneinander. Genau in der Mitte des großen Fensters sah man den Mont Blanc wie in einem großartigen Wandgemälde, geschaffen von einem Künstler mit unbegrenzten Mitteln. Sie betrachtete das Bergmassiv eine Weile, dann erwiderte sie den Blick ihres Vaters.
   David blieb mit Patricia ebenfalls kurz an dem großen Panoramafenster stehen. Dahinter lag der Garten. Der sanft abfallende, nach englischem Vorbild glatt geschorene Rasen mit weißen Rattangartenmöbeln; den Pavillon auf einer kleinen Erhebung und etwas links davon der Swimmingpool, eingefasst von niedrigen Bäumen, grünen Hecken und vielen Blumen. Ein Anblick zum Verlieben! Wenn sie nicht schon hoffnungslos verliebt wäre.
   Am Ende des Gartens, hinter einer halbhohen Zierhecke, eröffnete sich der Genfer See und jenseits des Ufers ragten die Giebeldächer der alten Villen über diesen Uferabschnitt. Schiffe zogen vorbei; ein Bild wie aus einem Märchenalbum mit den mit Puderzucker bestreuten Bergkuppen im Mittelpunkt.
   David legte den Arm um Saskias Taille. »Keine Sorge, das wird schon«, flüsterte er ihr ins Ohr.
   Saskia straffte die Schultern, hakte sich bei ihm ein. Gemeinsam schritten sie in das große Esszimmer, um Platz zu nehmen. In dieser Zeit betete Saskia, dass ihre Mutter endlich weich wurde.
   Auch während des Essens, das Isabella und das Dienstmädchen auftrugen, wollte sich keine richtige Entspannung einstellen. Mutter zeigte sich meisterlich von ihrer reservierten Seite.
   »Sie haben ein sehr schönes Anwesen«, sagte David.
   »Danke. Es gehörte bereits meinen Urgroßeltern. Und bei Ihnen, Monsieur Montfort? Hat ihr Großvater den Verlag aufgebaut?« Patricia taxierte David aus kühlen blauen Augen. Sie wusste zwar genau über die Biografie der Montforts Bescheid, doch diese Neureichen waren ihr immer etwas suspekt.
   »Nein, die Firma hat mein Vater allein gegründet.«
   »Und Sie werden dieses Erbe antreten?«
   »Vielleicht, vielleicht auch nicht.« David hatte Saskias Mutter durchschaut. Sie wollte ihn provozieren. Dennoch schien er ein wenig bedrückt, dass dieser Tag tatsächlich zu dem erwarteten Spießrutenlauf werden würde. »Bis jetzt sieht es so aus.« Er machte eine kurze Pause. »Aber meine Eltern müssen Ihre Tochter noch kennenlernen.«
   Mutter schnappte nach Luft, ihre Hand flatterte zu der doppelreihigen Perlenkette auf ihrer cremefarbenen Seidenbluse, während sie mit schockiertem Blick ihren Mann musterte, der Mutters Blicken auswich und stattdessen verständnisvolle Blicke in Davids Richtung warf.
   David lehnte sich zurück und sah gelassen in die Runde. Dann neigte er sich zur Seite, strich liebevoll über Saskias Wange und hauchte einen Kuss in ihr Haar. »Ich würde mich für Ihre Tochter entscheiden.«
   Ihr Vater räusperte sich. »Spielen Sie Golf?«
   »Ja, aber mein Handicap lässt zu wünschen übrig, ehrlich gesagt.«
   »Das kann man doch verbessern.«
   »Sie haben recht, aber mir fehlt die Zeit dazu. Also begnüge ich mich mit meinem bescheidenen Können. Die Kunden, mit denen ich spiele, freut es natürlich, so ein Naturtalent vor sich zu haben.« David grinste.
   Saskia war dankbar, dass Vater versuchte, die Situation etwas zu lockern.
   Nach dem Essen gingen sie ins Kaminzimmer, in dem Vater bereits vor der Ankunft von Saskia und David einen alten Rotschild dekantiert hatte. Von einem niedrigen Tisch mit einer Marmorplatte standen vier Chesterfieldsessel.
   »Schön, Sie kennenzulernen, David«, sagte Vater und bot ihm einen Sessel an. »Machen Sie es sich bequem. Wie ich gelesen habe, ist Ihr Verlag wieder Mal in Umbruch.«
   »Ja, die Unternehmerwelt bleibt nie stehen, und die Neuen drängen rasend schnell auf den Markt«, sagte David mit einem breiten, freundlichen Grinsen auf dem Gesicht.
   »Du wirst aber doch nicht die Galerie aufgeben?«, fragte ihre Mutter. Sie schien ihre Contenance langsam zurückzugewinnen.
   »Nein«, antwortete Saskia und lachte. »Was unsere beruflichen Karrieren betrifft, werden wir strikt – und damit meine ich auch finanzieller Art – alles trennen. Ich habe noch nie Wert auf Spendierhosen gelegt, das weißt du genau.«
   »Das ist meine Tochter«, sagte Vater, und Saskia sah aus den Augenwinkeln, wie er David anstrahlte. »Immer unabhängig.«
   »Ich bin eine liebe und brave Tochter, nicht wahr?«
   »Darüber könnte man diskutieren.« Vater lachte.
   »Vielleicht werde ich mich zurückziehen und lass meine Ehefrau für mich sorgen«, sagte David.
   Mutter verschluckte sich an ihrem Wein, während Vater in schallendes Gelächter ausbrach. Er wusste, worauf sein zukünftiger Schwiegersohn hinauswollte. Der Schwiegersohn, der deiner Mutter gefiele, muss erst noch geboren werden, sagte er mit einem Augenzwinkern zu Saskia, und er prostete David zu, ohne auf das Hüsteln oder Saskia zu achten, die ihrer Mutter eine Serviette reichte.
   »Haben Sie eigentlich vorher schon einmal in Erwägung, gezogen, zu heiraten?«, fragte Patricia neugierig.
   »Nein. Der Gedanke an eine Ehe hat mir fürchterliche Angst eingejagt.« Er sah sie an und lächelte. »Sie kennen das doch als Scheidungsanwältin. Man gewöhnt sich an seine Art, zu leben. Es ist nicht leicht, Kompromisse schließen zu müssen. Und dann noch Kinder …« David stöhnte.
   Saskia sah amüsiert zu, wie ihre Mutter zusammenzuckte. David sah zu Vater, dem der Schachzug seines zukünftigen Schwiegersohnes nicht entgangen war.
   »Aber«, fuhr David fort, »wenn eine Ehe funktioniert, so wie bei Ihrer Tochter und mir oder Ihnen beiden, wird es wunderschön.« Er sah zu Saskia, seine Augen leuchteten.
   »Sind Sie Hellseher?«
   »Mutter, das reicht.« Saskia hatte plötzlich Mitleid mit David. Musste ihre Mutter immer so provozierend sein? Bemüht geistreich und kalt. Auch wenn ihm das Katz-und-Maus-Spiel Vergnügen zu bereiten schien, hatte David nicht die geringste Ahnung, auf was er sich da einließ.
   »David, ich möchte Ihnen gern eine indiskrete Frage stellen.« Vater machte eine ernste Miene, konnte aber das Lächeln nicht ganz verbergen. »Haben Sie eigentlich niemals das Bedürfnis, meiner Tochter, sagen wir, den Hintern zu versohlen?«
   David schaute verdutzt, dann schmunzelte er. »In der Tat. Mindestens so oft, wie Saskia der Versuchung nahe war, mir ein blaues Auge zu verpassen.«
   Saskia unterdrückte ein Kichern. Ihr Vater zwinkert ihnen zufrieden zu und brach in ein Gelächter aus. Zu Saskias Überraschung lachte nun auch Mutter, wurde aber gleich wieder ernst.
   »Aber ich bekomme doch Enkelkinder, nicht wahr?«
   »Ich werde mein Bestes geben.« David nahm Patricias Hand in seine und Saskia atmete auf, als die Schultern nach unten sanken und ihre Mundwinkel sich hoben, ein sicheres Zeichen, dass sie sich entspannte. Saskia traute dem Frieden nicht.
   Vater stand auf. »David, ich muss Ihnen etwas zeigen, was Sie bestimmt interessieren wird.«
   David schaute ihn neugierig an.
   »Meinen Golf-Simulator«, sagte Vater voller Stolz. Dabei strich seine Hand liebevoll über Patricias Schulter. Saskia zwinkerte er aufmunternd zu.
   »Sehr gern.« David stand bereits neben ihm. Sie unterhielten sich anregend, während sie das Zimmer verließen.
   »Mutter!«
   Ihre Mutter schaute überrascht zu ihr. »Bitte?«
   Saskia hasste diese Steifheit, konnte aber nichts daran ändern. Zu viel stand zwischen ihnen und nun auch noch David. Sie und ihre Mutter hatten sich nie verstanden, waren einander niemals nah gewesen. Saskia spürte, dass dieser Nachmittag eine Kluft zwischen ihnen auftun würde, über die es keine Brücke gab.
   Selbst körperlich war die Mutter ihr fremd. Ihr Aussehen, ihr Temperament, alles hatte Saskia von ihrem Vater.
   »Was war denn das für eine Vorstellung?«
   »Ich weiß nicht, wovon du sprichst.« Ihre Gefühle verbargen sich hinter einer grauen Eisschicht in ihren Augen.
   »Was hast du gegen David?« Saskia atmete tief ein und lehnte sich im Sessel zurück. »Was stört dich an ihm?«
   »Nichts. Er ist ein Charmebolzen und verkauft sich gut«, sagte Mutter vollkommen ruhig. Sie bewegte weder Augen noch Hände. »Er wird dir wehtun. Solche Männer sind nicht geschaffen für die Ehe.« Die Eisschicht wurde dichter. Ein Bein wurde über das andere geschlagen.
   Saskia wurde unter Mutters fixierenden Blick unruhig. »Das wird sich zeigen.« Plötzlich ruhelos stand sie auf und ging zum Kamin hinüber. Der Blick auf die Fotos in den Bilderrahmen zeigte den Schein einer harmonischen Familie. Sie erinnerte sich daran, dass der Ehrgeiz ihrer Mutter ihr schon als Kind die Luft zum Atmen genommen hatte. Saskia spürte eine unerträgliche Trauer in sich aufsteigen, bezwang sie aber tapfer. »Ich werde David Montfort heiraten.«
   »Du bist deiner selbst stets so sicher, Saskia.«
   Saskias Schultern versteiften sich automatisch. »Bin ich das, Mutter?« Sie wandte sich um und sah den Blick ihrer Mutter still und offen auf sich ruhen.
   Zorn stieg in Saskia auf. Sie hatte die Tränen zurückgehalten, um ihrer Mutter auf gleicher Ebene zu begegnen. »Du bist eifersüchtig. Eifersüchtig auf mein Glück. Auf meine Liebe zu diesem Mann. Obwohl, nichts und niemand hat es in der Vergangenheit jemals fertiggebracht, dich etwas empfinden zu lassen. Nicht einmal Vater.«
   »Es gibt verschiedene Arten von Liebe, Saskia«, erwiderte Mutter steif. Sie wandte den Blick keine Sekunde von ihr ab. »Du hast immer nur deine Methode anerkannt.«
   »Du sprichst von Liebe?« Plötzlich hatte Saskia das Verlangen, sie zu ohrfeigen. »Ich kann mich nicht erinnern, dass du jemals irgendjemandem Liebe entgegengebracht hast.«
   Mutters Schultern strafften sich. »Ich will mich nicht dafür entschuldigen, dass ich bin, wie ich bin. Ich erwarte auch nicht, dass du dich vor mir verteidigst. Doch ich sage dir, du empfindest zu stark für diesen Mann, Saskia. Das ist ein Fehler, für den du bitter bezahlen wirst.«
   Zitternd schlang Saskia die Arme um sich selbst. »Du bist so kalt«, flüsterte sie. »So unsagbar kalt. Du hast keine Gefühle.« Sie wünschte sich, ihre Mutter würde sich einmal mit ihr freuen, ihr zeigen, dass sie zufrieden mit der Wahl ihrer Tochter war. Nur ein kurzer Satz, eine freudige Umarmung. Aber Mutter war außerstande, ihr diese Zuneigung zu geben. Und Saskia war unfähig, sie darum zu bitten. »Du schaffst es nicht«, sagte sie mit angestrengter Stimme. »Niemand wird mich von dieser Entscheidung abbringen können, ihn zu heiraten.«
   »Nein.« Mutter zuckte leicht mit den Schultern. »Das erwarte ich auch nicht von dir. Du machst sowieso, was du willst, Saskia.« Eine winzige Pause entstand. »Bekomme ich wenigstens Enkel?«
   »Ja, sicher«, sagte Saskia hastig. Nun schien ihre Mutter zum ersten Mal etwas weicher zu werden. Saskia fragte sich, ob vielleicht doch eine Hoffnung bestand. Ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen. Der Wunsch ihrer Mutter nach Enkelkindern berührte Saskia tiefer, als sie zugeben wollte.
   »Warte nicht zu lange, Saskia.«
   Saskia traute ihren Ohren nicht. War da ein Anflug von Gefühl?
   »Schließlich muss ich darauf bedacht sein, dass im Hause Leconte die juristische Tradition fortgeführt wird. Du musstest ja in die Kunstwelt abtauchen. Und David ist beruflich genauso weit entfernt.«
   Saskias Lächeln wich einem ärgerlichen Stirnrunzeln.
   Mutter fuhr unbeirrt fort. »Nun, was ist dann so falsch, dass deine Kinder unserer Tradition folgen?«
   Darum war es ihrer Mutter gegangen. Die Gewissheit, dass ihre Tochter für juristischen Nachwuchs sorgte. Ob glücklich oder unglücklich. Saskia musste kräftig schlucken. »So, wie ich dich kenne, Mutter, hast du bestimmt schon eine Vorstellung, wo dein Enkelkind Jura studieren soll. Richtig?«
   Mutter antwortete nicht.
   Saskia wusste, dass ihre Mutter ihr nie verziehen hatte, dass sie beruflich den Weg eingeschlagen hatte, den sie selbst für richtig gehalten hatte. Sie lachte bitter auf. »Wie lange willst du mir noch vorwerfen, dass ich nicht in deine oder Vaters Fußstapfen getreten bin? Ich weiß, Leconte ist nicht bloß ein Name. Er bedeutet Tradition und Verantwortung, der ich mich angeblich schmählich entzogen habe. Deshalb verlangst du von mir, Kinder zu bekommen, aber David ist dir nicht gut genug. Hast du auch zufälligerweise einen passenden Schwiegersohn in petto? Zutrauen würde ich es dir.« Sie schüttelte empört den Kopf.
   »Liebe ist völlig unwichtig. Es ist ja schon schwer genug, einen Mann mit dem passenden Stammbaum zu finden. Da ist es völlig ausreichend, wenn man sich versteht und gegenseitig respektiert.«
   Saskia legte den Kopf in den Nacken und stöhnte auf. »Ist dir irgendwann mal der Gedanke gekommen, dass ich eine eigene Vorstellung von meinem Leben habe? Du hast kein Recht dazu, über mein Leben zu bestimmen. Ich bin erwachsen genug, um selbst zu entscheiden, wen ich heiraten möchte.«
   Zum ersten Mal wurde sie ihrer Mutter gegenüber richtig laut, was diese dermaßen in Erstaunen versetzte und derart verwirrte, dass sie zunächst nicht in der Lage war, ihr Einhalt zu gebieten.
   Saskia schüttelte innerlich den Kopf. Ihre Mutter konnte skrupellos sein und sie hatte ihre Juristenmine aufgesetzt, die Saskia jedes Mal in den Wahnsinn trieb. Ich gebe hier die Richtung an!, gab ihr dieser Gesichtsausdruck zu verstehen. Seit wann musste sie sich für ihre Gefühle rechtfertigen? So weit kam es noch!
   »Viel zu oft habe ich erlebt, wie aus einer einstigen großen Liebe abgrundtiefer Hass wurde.«
   Die kehlige Stimme ihrer Mutter riss sie aus ihrem Gedanken. »Damit verdienst du viel Geld.« Saskia lachte spöttisch. Warum konnte Mutter nicht verstehen, dass David nicht nur ihr Herz erobert hatte, sondern sie auch tief in ihrer Seele berührt hatte?
   Ihre Mutter taxierte Saskia aus kühlen Augen. Einen Moment lang sah Saskia etwas in ihrem Blick – war es Angst, Reue oder sogar Bedauern? –, das sie zögern ließ. Plötzlich war dieser verletzbare Ausdruck verschwunden und wie ein zufrierender See wurden ihre Augen kalt und undurchdringlich.
   »Ich werde David Montfort heiraten!« Saskias Stimme klang – trotz ihrer Wut und Verzweiflung – klar und entschieden.

Kapitel 6


Der Landsitz wirkte düster, als Saskia und David die Eichen gesäumte Auffahrt hinauffuhren. Granitmauern auf einer Anhöhe, die zu einer Seite schroff auf die grüne Ebene hin abfiel, eine graue Treppenflucht, wo Saskia weißen Marmor erwartet hatte. Der Garten lag verborgen hinter einer abweisenden Mauer, die sich direkt an Haus und Freitreppe anschloss und auf der ein Butler im Frack wartete.
   Er verbeugte sich, als Saskia und David die Eingangshalle betraten. Die Bediensteten wurden hier kühl behandelt. Isabella wäre zu Tode betrübt und zu Recht beleidigt gewesen, wenn man so mit ihr umgehen würde. Saskia empfand die Situation selbst für ausgesprochen reserviert. »Neureich«, hörte sie ihre Mutter sagen und teilte für dieses Mal ihre Ansicht. Irritiert schaute sie sich um. David folgte ihrem Blick. Zu einem Modigliani, dann zum »Kopf einer Frau«.
   »Dieser Toulouse-Lautrec ist echt, nicht wahr?«, fragte sie atemlos.
   David nickte, legte seinen Arm um ihre Taille und führte sie ohne ein weiteres Wort in den Salon. Sie registrierte den Empirestil der Einrichtung sofort. Mit ihrem geübten Blick wollte sie sich vergewissern, dass der Toulouse-Lautrec und der Modigliani aus der Eingangshalle nicht zwei einzelne Wächter waren, sondern die Eröffnungsstücke einer exquisiten Privatsammlung. Allein der Gedanke, was sie noch erwarten würde, ließ ihr Herz schneller schlagen.
   Davids Eltern kamen auf sie zu. An Armands Augen, an seinen durchdringenden Blick erinnerte sich Saskia nur allzu gut.
   Er war ein faszinierender Mann. Was diese Anziehungskraft von Armand Montfort ausmachte, wusste sie noch nicht. Sie würde es herausfinden. Saskia betrachtete ihn genauer als damals in der Galerie. Hohe, leicht gefurchte Stirn, die ihn intellektuell wirken ließ, dickes, störrisches graues Haar, das trotz des guten Schnittes in alle Richtungen wuchs, eine große, lange Nase und ein breiter, schmallippiger Mund. Seine Augen hatten das gleiche Grau wie die seines Sohnes, doch er war etwas kleiner als David, vielleicht nur knapp einsachtzig groß, und er bewegte sich, als ob ihm die ganze Welt gehören würde. Gerade diese lässige Selbstsicherheit musste für jede Frau eine Herausforderung darstellen.
   Wie war er wohl im Bett?
   Um Gottes willen! Wie konnte sie nur an so etwas denken? Sie, die dermaßen verrückt nach David war. Saskia wurde heiß. Um sich von ihren glühenden Wangen abzulenken, ließ sie den Blick durch den Raum schweifen. Etrusker-Vasen schmückten den weißen Marmorkamin und darüber ein mit einem römischen Adler bekrönter Wandspiegel im Goldrahmen.
   Nicht Armand begrüßte sie zuerst, sondern seine Frau. Davids Mutter schwebte mit ausgebreiteten Armen auf ihren Sohn zu.
   »Hallo, mein Junge.«
   Er umarmte und küsste sie auf die Stirn. Sie war so zierlich und schlank wie ihre Männer groß und beeindruckend waren, reichte ihrem Sohn kaum bis zur Schulter. Sie hatte den feinen, blassen, empfindlichen Teint blonder Frauen, dem man jede Erregung leicht ansah. Einige Sommersprossen gaben ihrer Reife etwas Junges und Fröhliches, das durch die Lachfalten um ihre hellblauen Augen noch verstärkt wurde. Ihre langen honigfarbenen Haare waren sorgfältig zu einem Chignon eingeschlagen.
   »Mutter, du siehst fantastisch aus. Ist das von Catherine Walker aus London?«
   Sie nickte. »Sie hat mir ein neues Abendkleid entworfen, und bei der Anprobe hat sie mir dieses Ensemble hier gezeigt. Da habe ich es mitgenommen. Gefällt es dir?« Sie trug eine cremefarbene Seidenhose, darüber einen hauchdünnen Spitzenmantel im Oriental-Look und die passenden Pumps dazu.
   Saskia sah, wie Armand das Gesicht verzog. Entweder gefiel ihm das Outfit nicht, oder er hielt solche Couturemode für überteuert.
   »Es ist fantastisch«, versicherte David seiner Mutter, doch sie schien ihn nicht mehr zu hören.
   Ihr Blick ruhte auf Saskia, die verunsichert war, weil sie Marie-Claires Blick nicht deuten konnte und weil Armand sie betrachtete, als wäre sie ein insecte fou.
   David zog sie an sich, und endlich fühlte sie wieder seine Nähe, seinen Duft, der sie gegen alles abschirmte.
   »Mutter«, sagte er und sie liebte ihn für den Stolz in seiner Stimme. »Darf ich dir Saskia Leconte vorstellen – deine zukünftige Schwiegertochter?«
   Marie-Claire Montfort drückte Saskias Hand sanft und liebevoll. »Das habe ich schon gehört.« Sie lächelte zu ihr hinauf. »Ich wünsche mir schon lange eine Schwiegertochter, aber ich hätte nicht erwartet, dass mein Sohn so viel Geschmack beweist.« Sie sah David von der Seite an und lächelte warmherzig.
   Schüchtern erwiderte Saskia Marie-Claires Lächeln. »Ich freue mich, Sie kennenzulernen …«
   »Nenn mich Marie-Claire«, sagte Davids Mutter. »Als ehemalige Globetrotterin liegt mir das Formelle weniger.« Marie Claire warf Armand einen langen Blick zu, dem er ein breites Grinsen entgegensetzte.
   »Danke für die Einladung!« David begrüßte seinen Vater mit Handschlag.
   Armand erwiderte den Druck, zog dann seine Hand zurück und streckte sie Saskia entgegen. Sie nahm sie, hätte beinahe gewimmert vor dem Mann im dreiteiligen Nadelstreifenanzug, so fest war sein Händedruck.
   »Wir haben uns ja schon mal gesehen, in Ihrer Galerie«, sagte er und erntete einen mahnenden Blick von Marie-Claire für die förmliche Anrede. Er ignorierte ihn.
   »Es ist mir eine Freude, Sie persönlich kennenzulernen.« Saskia gratulierte sich im Stillen dazu, dass sie den Satz herausgebracht hatte, ohne zu stottern.
   »Mir auch.« Er ließ ihre Hand los, musterte sie erneut mit unverhohlener Bewunderung und wandte sich an seinen Sohn. »Sie ist nicht nur hübsch, deine zukünftige Frau. Sie kann sich auch durchsetzen«, sagte er und blickte Saskia dabei fest in die Augen.
   »Ich habe nur die Arbeit des Künstlers an dem Abend verteidigt, die Sie als Kleckserei bezeichnet haben«, konterte sie und merkte, dass sie gereizt klang. Wie ein kleines Kind benahm sie sich in Armands Gegenwart. Wie eine Jugendstilfigur, die in dieses Zimmer passte, jedoch nicht in eine Galerie für moderne Kunst. Armands begütigendes Grinsen machte es auch nicht besser.
   »Was es auch war, sinnlose Verschwendung von Farben und Zeit, stillos in jeder Beziehung. Sie dagegen haben Stil und das gefällt mir.«
   Saskia wusste nicht, wohin sie sehen sollte, bis ihr Blick auf das Bild von Frida Kahlo fiel, das vor wenigen Wochen bei Sotheby’s in New York für fünf Komma fünf Millionen Dollar an einen anonymen Privatsammler gegangen war.
   »Das ist ein besonders schönes Kunstwerk.« Ihre Stimme war immer noch von dieser Schärfe beherrscht.
   David starrte sie voller Überraschung an.
   »Lasst uns in den Speisesalon gehen. Während des Essens können wir uns weiter unterhalten«, sagte Marie-Claire, bevor Armand noch etwas erwidern konnte.
   Sie fasste Saskia zart, aber bestimmend am Arm und führte sie hinein. Im Esszimmer zogen sich auf Augenhöhe klassizistische Rundreliefs. An der gegenüberliegenden Wand konnte sie eine acht Meter breite antike Prozession auf Goldgrund gemalt bestaunen. Saskia glaubte, sich zu erinnern, dass dieses Gemälde von Moginot stammte, aber sie würde sich nicht die Blöße geben zu fragen.
   Sie nahmen an einem langen Tisch Platz, mit einer goldfarbenen Damasttischdecke, gedeckt mit zartem weißgoldenem Porzellan. Vor den Tellern glitzerten Weingläser aus Kristall, passend zum Kronleuchter, der über ihnen hing. Marie-Claire, die ihrem Mann gegenüber Platz genommen hatte, griff nach der kleinen Tischglocke. Der Butler und ein Dienstmädchen erschienen fast zeitgleich in der Tür. Sie trug eine schwarze Uniform mit Spitzenschürze, war blass, aber lächelte das professionelle Lächeln von Menschen, die ihr Leben damit zubrachten, andere zu bedienen.
   »Ja, Madame?«
   »Sie können anrichten.«
   »Ja, Madame.«
   Schweigen breitete sich aus.
   »Haben Sie etwas gegen Privatsammlungen?«, fragte Armand und nahm das vorangegangene Gespräch wieder auf.
   »Sagen wir mal so, ich habe ein zwiespältiges Verhältnis dazu.«
   »Inwiefern?«, Armand forderte sie heraus.
   »Ich bin der Meinung, Bilder sind dazu da, um den Besitzer zu wechseln. Sie müssen ständig gekauft und verkauft werden. Sie sollten in der ganzen Welt zu sehen sein. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie in Ausstellungen, Museen oder Galerien hängen. Das einzig Wichtige ist, dass sie von so vielen Leuten wie möglich betrachtet werden können. Davon abgesehen, dass es sich nicht wirklich rechnet, große Werke wie dieses der Öffentlichkeit vorzuenthalten.« Sie räusperte sich, schaute Armand an, sah seinen amüsierten Blick und, als sie den Kopf wandte, Marie-Claires fasziniertes Zwinkern, das sie anspornte, ihn noch ein wenig mehr zu provozieren.
   »Ein Gemälde, das in den angesehensten Ausstellungen der Welt zu sehen ist, steigt dadurch automatisch im Preis und das wird sich in dem Augenblick auszahlen, wo sein Besitzer es verkaufen will.«
   »Nun, wenn ich Sie richtig verstanden habe, sollte ich von Zeit zu Zeit diesen Kunstwerken gestatten, etwas frische Luft zu schnuppern.«
   »Meine Rede.« David erhob das Weinglas.
   In der nächsten halben Stunde war die Atmosphäre weitaus ungezwungener als in den ersten fünf Minuten. Nach der Vorspeise, Jacobsmuscheln und Scampi in Meersalz, fragte Armand unvermittelt nach Amélies Befinden. Saskia sah ihn erstaunt an, aber Davids Vater meinte scherzhaft, dass er sie schon lange nicht mehr gesehen hätte, seit sie nach Florenz gegangen sei und dass er kaum noch wisse, wie sie aussähe.
   Die Unterhaltung wurde unterbrochen, da der Hauptgang aufgetragen wurde. Während die kleine Gesellschaft das Kalbsrisotto in Chablissoße genoss, tauschte man Höflichkeiten aus. Das Gespräch verlief ungezwungen und angenehm. Gelassen hielt Saskia dem kritischen Blick des Seniors stand.
   »Ich räume gern ein, dass ich beeindruckt bin. David hat nur noch Augen für Sie. Aber ich warne Sie, ich habe einen Arbeitsjunkie großgezogen.«
   »Genau das nehme ich dir übel, Vater, dass du mir so oberflächliche Gene vererbt hast«, kam David Saskia zu Hilfe.
   Der Senior lächelte. »Eine Frage hätte ich und Sie brauchen mich nicht gleich mit ihren Blicken zu erdolchen, Saskia, aber es interessiert mich.«
   »Legen Sie nur keine Zurückhaltung an den Tag, Monsieur Montfort.« Sie blieb ruhig.
   »Was meinen Sie, was erwarten mächtige Männer heutzutage bei einer Frau?«
   Sie verzog die Lippen zu einem angedeuteten Schmunzeln, senkte kurz den Blick und sah ihm erneut in die Augen. »Nun, ich denke, sie sollte weder vor ihm noch hinter ihm gehen, sondern wie eine Kopilotin stets neben ihm sein.«
   Für einen Augenblick sagte niemand ein Wort.
   Dann erhob Armand sein Weinglas. »Ihr habt meine Einwilligung zu dieser Heirat«, erklärte er feierlich.
   Marie-Claire lächelte nur. Sie legte die Hand auf Saskias Arm. »Lassen wir die beiden kurz allein.«

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Viel Spaß beim Weiterlesen.

 

 

 

                                       

 

 

 

 

 

 

 

 

         

 

 

 

 

 

                                      

 

                                          

                                  

                                                                                    

      

                                          

                                         


 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

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